Lesestoff

Rotstiftmilieu

„Hier, du musst das noch unterschreiben“, sagt sie und hält mir ein Formular hin. Ich nehme einen herumliegenden Kugelschreiber und setze meinen Friedrich-Wilhelm darunter. „Und untersteh dich, den Stift mitgehen zu lassen!“, warnt sie.
„Seh ich aus, als hätte ich es nötig, deine Stifte zu klauen?“
„In diesem Büro weiß man nie. Es hat ein schwarzes Loch, in dem regelmäßig meine Stifte verschwinden, und die roten besonders schnell.“
„Arbeitest du im Rotstiftmilieu?“, kalauere ich.
Sie winkt ab. „Ich brauche sie für die Buchungen, und ich schreibe in rot, damit man die Nummern sofort auf dem Kontoauszug findet. Deswegen ist es doppelt lästig, dass sie ständig verschwinden.“
„Zeig mal einen.“
„Einen Kontoauszug? Das geht dich nichts an.“
„Blödsinn. Einen Stift.“
Sie zieht ihre Schreibtischschublade auf und nimmt einen heraus. Ich mache einen langen Arm und schon ist er weg. „He!“, protestiert sie.
Grinsend hebe ich die Schultern. „Schwarzes Loch. Kann man physikalisch erklären.“
Sie kommt um ihren Tisch herum und will ihn einfangen. Mit der einen Hand halte ich den Stift hoch, mit der anderen Nadine auf Abstand. „Ich trete dich!“, droht sie mir an.
Darüber lache ich. „Schwarze Löcher verfügen üblicherweise über eine enorme Sogwirkung. Das heißt, dass sich der Gegenstand nicht mal in der direkten Umgebung des Lochs befinden muss. Je kleiner und leichter er ist, desto schneller wird er geschluckt.“
„Sehr witzig! Das will ich nicht wissen, ich will meinen Stift zurück haben!“
„Solltest du aber. Naturgesetze sind in allen Bereichen des Lebens einsetzbar, wenn man sie anzuwenden weiß. Wie oft geht unser werter Chef am Tag hier vorbei und hat was zu notieren?“
„Er ist nicht mein Chef, sondern mit meiner Chefin liiert!“
„Haarspalterei! Ich sehe das Loch mindestens jeden Donnerstag. Und es wird von Woche zu Woche größer.“
„Soso“, stellt Georg fest. Er lehnt in seiner Bürotür, ich weiß nicht, wie lange schon.
Nadine lässt von mir ab und schiebt sich an ihm vorbei in das Zimmer. Kurz darauf kommt sie mit einer Hand voller Stifte zurück, nimmt mir meinen weg und verstaut sie alle in ihrer Schublade. „Und jetzt mal wieder an die Arbeit, verstanden? Wir sind ein Elektroinstallationsbetrieb und kein Debattierklub.“
„Sie hören sich an wie der Mann, mit dem Ihre Chefin liiert ist“, schmunzelt Georg.

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