Lesestoff

Die Wahl

Die Hitze des Tages schwindet, die Sonne liegt inmitten eines üppigen Farbenspiels auf den Ebenen am Horizont und ein leichter Wind bringt die Abendkühle an den Berghang. Ich sehe meinen Freund herankommen, wie immer holt er mich zum Spazierengehen ab.
Wir begrüßen uns mit einer vertrauten Umarmung und wandern dann langsam los. Erst schweigen wir, dann erzähle ich, was ich den Tag über getan habe: „Du kennst doch diese beiden rotbraunen Pferde mit den schwarzen Mähnen und Schweifen. Sie grasen auf den Hügeln neben dem Garten. Ich habe heute versucht, eins einzufangen und ein bisschen zu reiten.“
„Hat es geklappt?“, fragt mein Freund und lacht.
„Na ja“, mache ich, „irgendwann hatte das Pferd wohl begriffen, dass ich nicht gefährlich bin. Aber ich habe mehr Zeit mit laufen und einfangen zugebracht als mit reiten.“
„Wie machst du das denn? Ich meine, wie fängst du es an?“
„Ich komme entspannt des Weges und halte dann in der Nähe an. Irgendwann wollen sie wissen, was ich da tue und gehen zu mir. Dann fasse ich eins an der Mähne und versuche mich auf den Rücken zu schwingen. Das klappt mal besser, mal schlechter.“
„Du könntest versuchen, sie erst mit ein paar leckeren Wurzeln oder Blättern zu locken. Dann kommen sie lieber zu dir, weil sie wissen, dass du etwas Gutes für sie hast. So ersparst du dir viel Lauferei.“
„Gute Idee“, mache ich, „Morgen probiere ich es aus.“
Wir lassen den Blick über die golden beschienenen Ebenen schweifen.
Ein großer schwarzer Greifvogel segelt auf den warmen Luftschichten überm Wald, auf die Entfernung würde ich sagen, dass es eine Gabelweihe ist.
Mein Freund hat ihn auch beobachtet. „Fliegen müsste man können“, seufzt er.
„Ja, das wäre toll. Ohne Hilfsmittel, einfach die Flügel spannen und los … vielleicht kriege ich es hin, die Pferde so weit an mich zu gewöhnen, dass ich etwas längere Strecken reiten kann. Im Galopp ist es fast wie Fliegen. Also, wie ich mir das vorstelle“, schiebe ich ein, denn da ich noch nie Vogel war, habe ich ja leider keine Ahnung vom Fliegen.
Auf einmal verdüstert eine Erinnerung meine Gedanken. Noch etwas kann mühelos mithalten, wenn ich übers Fliegen oder Galoppieren nachdenke. Das Zusammensein mit meiner Gefährtin.
Tja.
Die ist weg.
Früher ist sie immer dabei gewesen bei den Spaziergängen, aber nun ja. Jeder soll seinem eigenen Lebensplan folgen.
Es war eine schreckliche Entscheidung. Schrecklich, was sie von mir verlangt hat.
Ja, sie hat mich tatsächlich vor die Wahl gestellt: er oder ich!
Und ich habe mich für ihn entschieden, meinen besten Freund.
Ich habe das noch keine Sekunde lang bereut.
Nur manchmal vermisse ich sie … und ihre Nähe … ihr Wissen um meine Gedanken … ihre Freundlichkeit … ihre spontanen Ideen …
… Es war schön zu zweit.

Mein Freund hat meine Trauer gespürt und zieht mich an seine breite Brust. „Du bist nicht alleine“, flüstert er mir ins Ohr.
„Ich weiß“, murmele ich. „Aber sie fehlt mir.“ Ich hätte nicht an die vielen schönen Stunden mit ihr denken sollen, denn jetzt laufen mir die Tränen runter.
„Ich weiß“, sagt nun auch er und streichelt meine Wange, „ich weiß. Mir fehlt sie auch.“
„Aber … könntest du nicht noch mal …“
„Adam“, unterbricht er liebevoll, „nicht schon wieder.“

.
.
.

Was wäre, wenn Adam sich damals im Paradies gegen Eva und die Frucht entschieden hätte?
… oder wenn er zwar vom Obst gegessen, aber die Tat dann zugegeben hätte, und somit nur Eva verbannt worden wäre?

Der Text erschien vor einigen Jahren in der Korrekten Bande, dem Jesus-Freaks-Magazin. Autorin ist eine gewisse Jorike Pelagina, die sich nicht nur zufällig die Initialen mit mir teilt.

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