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die Geschichte mit dem visionären Städteplaner

Textstück auf dem verstaubten Teil der Festplatte gefunden …
Datei zuletzt bearbeitet am 22.8.2005 um 23:12
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Eingangsszene: Mattenlager auf einer [Anm. d. Vorg.: JesusFreaks-]Veranstaltung, die übers Wochenende geht, morgendlicher Muff/Mief, die Leute wachen auf und stellen fest, wer nachts noch neu dazu gekommen ist. Erste Kaffeewölkchen schleichen durch die Zimmer und die Schlange vorm Klo wird immer länger.

Das Gemurmel um mich herum nimmt zu und ich wache so langsam auf. Ich unternehme einen ersten Versuch, mich aufzusetzen und rutsche von der Luftmatratze herunter. Mein Hintern macht Bekanntschaft mit dem Betonboden des Gottesdienstraumes, in dem ich geschlafen habe. Mein Schlafsack kann die Kälte des Betons kaum isolieren, und ich bin froh über die geliehene Unterlage, die meine Nachtruhe verschönert hat.
Ich schlängle mich wieder auf die rote Matte und sitze schließlich aufrecht.

Links neben mir rührt sich jetzt auch was, ich stelle fest, dass der Schlafsack gestern noch nicht da gewesen ist. Es ist ein olivgrünes Teil, dessen Reißverschluss ganz zugezogen ist. Nur ganz oben am Kopfende schaut ein Büschel blonder Haare heraus. Der Mensch liegt auf der Seite, von der Form her würde ich sagen, es ist eine Frau.
Aus Richtung Küche stiehlt sich ein Kaffeeduftwölkchen an meiner Nase vorbei. Kaffee ist ‘ne gute Idee, denke ich und begebe mich daran, meinen Schlafsack zu verlassen.
Synchron zu meinem wird auch der Reißverschluss des olivgrünes Schlafsacks aufgezogen und eine ziemlich verschlafene Frau mustert mich eingehend. „Warst du gestern Abend schon da?“, fragt sie. Ihre Stimme klingt wie eine rostige Säge.
Ich nicke und ziehe einen Pullover an. Irgend jemand hat ein Fenster aufgemacht, klare kalte Luft kriecht durch die Zimmer.
„Hoffentlich bin ich nicht zu laut gewesen. Ich wollte nämlich kein Licht anmachen.“
Ich lächle sie an. „Macht nichts. Ich hab jedenfalls nichts gehört.“
Sie streckt mir ihre Hand hin, „Ich bin die Trine, und du?“
Ich nehme ihre noch schön schlafwarme Hand in meine und stelle mich vor: „Julia.“
Jetzt lächelt sie auch.
Ich stehe auf, um meine Jeans über die Shorts zu ziehen, in der ich geschlafen habe.

In der Schlange vor den beiden Toiletten habe ich ein paar Meter Vorsprung, aber beim Frühstücken treffen wir uns wieder. Ich habe mich bereits an einem Tisch niedergelassen, da kommt sie mit ihren Sachen zu mir.
Während sie isst, betrachtet sie mich. Ich gebe vor, ihre Blicke nicht zu bemerken und sehe nicht auf. Um mich abzulenken, lese ich in einem Buch, das ich mir vor zwei Tagen gekauft habe. Irgendwann scheint sie genug geguckt zu haben. Sie fragt: „Wo kommst du her?“
„Jesus Freaks Remlingen. Und du?“
„Solscheid. Aber ich wohn noch nicht lange da“, fügt sie einschränkend hinzu. „Vorher hab ich in Bremen gewohnt.“
„Deswegen haben wir uns auch noch nicht gesehen“, stelle ich fest. Die Freak-Gruppen der beiden Nachbarstädte stehen in gutem Kontakt. Es sind nicht nur ständig Mitglieder hin und her unterwegs, sondern auch Prediger, Lobpreisbands und so weiter. Auch Straßenaktionen oder Regio-Geschichten machen wir überwiegend zusammen. Da bleibt es nicht aus, dass man die „Nachbarn“ kennen lernt.

Solscheid ist die Nachbarstadt von Remlingen. Die beiden liegen etwa 30 Kilometer auseinander, sofern man vom einen zum anderen Stadtzentrum misst. Von Stadtrand zu Stadtrand sind sie stellenweise nur durch eine Kuhwiese voneinander getrennt. Ein visionärer Städteplaner hat errechnet, dass es noch 15 bis 20 Jahre dauert, bis die beiden Städte zusammengewachsen sind. Vermutlich bekommen sie dann einen künstlichen Namen, der aus beiden Stadtnamen besteht. Vielleicht Solingen. Oder Remscheid. Beides klingt komisch.

An dem Tisch mit den ganzen Frühstückssachen hat sich einer mit einem Topfdeckel und einem Holzlöffel „bewaffnet“. Jetzt schlägt er den improvisierten Gong, bis das Gequatsche aufhört und die meisten erwartungsvoll zu ihm hinschauen.
„Guten Morgen allen Leuten, die hier gepennt haben und herzlich Willkommen all denen, die irgendwann zwischen gestern Abend spät und gerade eben noch dazu gekommen sind“, fängt der Typ an. Ich kenn ihn, aber ich hab seinen Namen vergessen. Auf dem Freakstock war er dauernd mit den Leutchen von JFI zusammen.
„Ich les euch mal den Tagesplan für heute vor“, eröffnet er. „Also, um zehn Uhr gibt’s Lobpreis im Gottesdienstraum. Die Leute, die da gepennt haben, sollen bitte nach dem Frühstück ihre Sachen weg räumen, dann können da Bänke aufgestellt werden. Der Morningpraise geht ungefähr bis zwölf. Dann könnt ihr bis zum Mittagessen tun, was ihr wollt, euch in der Nachbarschaft beliebt machen oder was weiß ich. Die Raucher tun ihre Kippen bitte nur in dafür vorgesehene Behälter, nicht in die Blumenkübel, ja? Sonst kriegen wir Ärger, und das muss ja nicht sein.“
Ich glaube, der Typ heißt Habbo. Wahrscheinlich vergesse ich den Namen immer wieder, weil er so komisch ist. Ich kenne niemand sonst, der so heißt.
Habbo (oder wie auch immer er heißen mag) hat seine Rede fortgeführt. „Nach dem Mittagessen beginnen die Seminare, zu denen ihr euch bei der Anmeldung angemeldet… äh, eingetragen habt. Hier auf dem Zettel stehen die Räume, in denen die einzelnen Seminare statt finden. Im Gebäude hängen ziemlich viele von den Zetteln, und die Räume haben ein Namensschild auf der Tür. Das müsste also zu finden sein. Und nach den Seminaren ist leider ein großer weißer Fleck auf meinem Zettel. Das heißt wahrscheinlich, dass es Abendessen gibt, aber es weiß noch keiner, wann, oder wo, oder wie oder was.“ Er wirft noch einmal einen Blick über seine Notizen, dann nickt er und sagt: „Das war’s von mir. Seid bitte pünktlich.“
Allerhand Leute lachen, ein Mädel kommentiert „Jesus Freaks und Pünktlichkeit, zwei Welten stoßen aufeinander!“, was noch mehr Gelächter zur Folge hat.

Ich trinke meinen Kaffee aus…

Leider hat sich die Geschichte mit dem visionären Städteplaner nicht als fruchtbarer Boden erwiesen, ich habe mich danach anderen Projekten zugewandt.
Bis jetzt sind die beiden Städte noch nicht zusammengewachsen, die Zeit wird zeigen, zu welcher Namensvariante man sich dann entscheidet.

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