Fernweh

Sauwetter* im Paradies

Es war Mittwoch, der vierte Inseltag, und ich notierte an diesem Tag:

Irgendwann hat man dann genug drauf gewartet, dass der Regen endlich aufhört und man zum Strand gehen kann – und geht trotz des Regens los.
Und findet auf der leeren Fläche neben viel Wetter nur wenige Menschen, die einen alle freundlich anlächeln, weil sie wissen, dass man die gleichen Kämpfe hatte wie sie, bevor sie losgegangen sind.

Auf dem Weg zum Meer musste ich plötzlich sehr lachen, denn mir fiel die Sache mit den Brennnesseln auf dem Weg zum Paradies ein. Auf dem Weg zum Paradies könnte auch Sauwetter sein, aber lasse ich mich dadurch vom Paradies abhalten?

Niemals.

Sauwetter hin oder her – hey, es ist das Paradies! Mit Jesus zusammen ist ein Sauwetter … ein Sauwetter zusammen mit Jesus. Werden wir halt beide nass bis in die Unterhose, na und?

____________________________________________
* = Sauwetter ist bei mir kein negativ gefärbtes Wort, ich könnte es genauso auch „Starkwetter“ nennen. „Sauwetter“ gefällt mir aber besser. Meist schmücke ich es mit Adjektiven wie wunderschön, prachtvoll etc.

Fernweh

konturlos bis 74

Bei blauem Himmel kann fast jeder „schöne“ Fotos machen, aber das ist nichts für mich. Ich will Kontraste, finstere Wolken und eine gewisse Dramatik. Der dritte Inseltag präsentierte sich wolkenverhangen und mit mehr Wind als der vorige; eigentlich gute Zutaten für Gottes Himmelskaleidoskop. Und dennoch war irgendwie noch nicht die richtige Fotostimmung aufgekommen.

Interessante Komposition. Aber nicht das, womit ich die Festplatte meines Handykameraden füllen möchte 😉

Ich war während der Zeit sehr glücklich, nicht dass du denkst, meine Ansprüche seien in allen Bereichen des Lebens so hoch. Kilometerlang bin ich am Strand herumspaziert und habe mich dabei jeden Tag im selben kleinen Areal bewegt. Über große Ziele und damit verbundene Gewaltmärsche wie „geh doch noch mal um Hoge Hörn drumrum“ hatte ich gar nicht erst nachgedacht.
Erfreulicherweise dauerte es nicht bis zum Foto Nr.178, bis ich endlich den ersten „richtigen“ Blick erwischen konnte. Beobachte selbst die Unterschiede zwischen denen oben und diesem.

des Rätsels Lösung: reflektierendes Gegenlicht.
auf einmal ist Dynamik drin, von mir bis zum windgebürsteten Horizont und weiter in den Wolken.

Ab da gab es kein Halten mehr, wie du dir vielleicht vorstellen kannst.

Als ich irgendwann wieder festen Boden unter den Füßen wählte, verzogen sich die Wolken. Auf der Promenade begegnete mir diese Jungmöwe im Stechschritt.

Diese Silbermöwen-Teenies sind Nervensägen. Wenn sie ihre Eltern sehen, betteln sie die ganze Zeit nach Futter und quieken dabei, dass man denkt, irgendwas müsste mal dringend geölt werden.

Weitere Kontraste und Auswirkungen eiliger Luft bekommst du in der Zusammenfassung des vierten Inseltags zu sehen.

Fernweh

das Nichts – oder eher drei Kamele?

Etwas in mir will diesen prachtvollen und menschenleeren Zustand immerzu „das Nichts“ nennen, dabei ist ja jede Menge da. Wolken, Wind, Wasser, Sand, Pflanzen, Tiere, etc etc etc. Möglicherweise ist nicht alles für mich sichtbar, was da ist. … okay, dann ist Jesus also auch da. Logo.
Es muss ein recht windstiller Tag gewesen sein, sonst hätte ich nicht dieselbe Wolke im Abstand mehrerer Minuten erneut knipsen können. Sie ist aber auch mal eine Hübsche.
Einige Menschen, die ich via Messenger mit digitalen Urlaubsgrüßen bedachte, nannten dieses Bild „Drei Kamele hinter der Düne“. Darauf kann man kommen mit so einem Fitzelchen Fantasie.
Ich mag auch die schlanken Schatten, die der Wind hier angehäufelt hat.
Ein seltener Anblick: ein hochformatiges Foto. Am Meer kommt mir das nicht so oft in den Sinn. Das mit Leben überfüllte sogenannte „Nichts“ kann man hier besonders gut erkennen, finde ich.

Beim nächsten Mal zeige ich dir dann ein paar Fotos vom dritten Inseltag.

Fernweh

Schildkröten und Horizontitis

Diese spezielle Lampe hängt in dem Wohnzimmer, das ich während meines Urlaubs bewohnen durfte. Das Zimmer ist von oben bis unten und an allen Wänden dunkel-petrol gestrichen, was du siehst, ist also keine Fehlfarbe, die das Handy eingefügt hat. Der Wohnzimmerhauptbewohner hatte nach zehn Jahren mit Saisonarbeitsverträgen zwischen lauter weißen Wänden Bock auf Farbe. Zum Glück hat der Raum zwei große Fenster, sonst käme man sich wohl vor wie in einem Schuhkarton.
Ich habe mein Handy noch immer nicht mit einer integrierten Wasserwaage optimiert, das sieht man prima an diesem Foto. Ich nenne das Problem Horizontitis, was absichtlich nach einer Krankheit klingt.
Halte deinen Bildschirm bitte entsprechend schief, sonst läuft ja das ganze Meer aus.
Ich liebe es, wenn das Licht grell und hart wie aus einem Schacht auf die Wasserfläche trifft und alles drumherum dunkel liegt. Es war das erste der Art, das mir im Urlaub gelungen ist. Zum wirklich guten Foto müsste noch mehr Ordnung am Himmel herrschen (nicht so ein Wolken- und Helligkeitsdurcheinander).
Schäfchenwolken, pöh! Hier siehst du, sehr zentral und grau hervorgehoben, eine Schildkrötenwolke.
Das einzige Panoramafoto, das etwas geworden ist. Die anderen sind beim Rendern abgestürzt, vielleicht war zu wenig Platz auf der SD-Karte.
Hier erkennst du besonders eindrücklich die Erdkrümmung. (Das Foto ist nicht an Horizontitis erkrankt: die äußert sich nur schräg und nicht leicht wellig.)
Bereits zu dem Zeitpunkt (erster kompletter Urlaubstag auf der Insel) wusste ich, dass alles im grünen Bereich ist. Das bin nämlich ich: so sehe ich aus.
Das gleißend Weiße sind übrigens meine Füße, die bis dahin kaum einen Sonnenstrahl abbekommen hatten. Eingedenk der Tatsache hatte ich sie kurz zuvor mit Sonnencreme eingeschmiert, sodass sie sogar leicht bläulich wirkten.

Beim nächsten Mal kriegst du ausgewählte Fotos vom zweiten Inseltag zu sehen.

Heimatland

Zufall? Glück? Timing?

Nö. Die Masse machts.
Als ich gestern beim Nachhauseweg an einer der freien Anhöhen des schönen Bergischen Landes entlang kam, hielt ich und wollte mal versuchen, einen Blitz zu fotografieren.
Ich weiß, ich weiß, bei Gewitter treibt man sich besser nicht auf einer freien Anhöhe herum, da dort ja weit und breit nichts herumsteht, kein Haus, kein Baum, kein Blitzableiter. Aber die insgesamt drei Gewitter (südwestlich, südöstlich und westnordwestlich) waren alle sehr weit weg. Das im Südosten näherte sich langsam, was ungewöhnlich genug ist, denn normalerweise kommt unser Wetter aus westlichen Richtungen.

Das Gewitter in südwestlicher Richtung.
Hinterm Horizont gehts weiter, wie man weiß: da folgt irgendwann das Eifelvorland und Aachen.

Ab und an zuckten ein paar Blitze durchs Indigo der Wolken, aber ich bin in solchen Situationen eher nicht blitzschnell – und meine Handykamera schon mal gar nicht.
Wenn du dir die Zeit nimmst, alle !178! Fotos anzuschauen, die ich in den achteinhalb Minuten ab 20:40 geknipst habe (ich brenne sie gern auf eine CD und lasse sie dir zukommen), erlebst du ein Daumenkino, in dem wirklich nicht viel passiert. Gelegentlich blinken am linken Bildrand ein paar Autoscheinwerfer auf, der Flug von vier Krähen von rechts nach links erstreckt sich über sechs Bilder. Das mit den Krähen weiß ich allerdings nur, weil ich halt dabei war. Auf den Fotos könnten es auch Ufos oder Spatzen sein. Oder Krümel auf der Linse.
Blitze gab es einige, aber ich war natürlich immer zu spät. Irgendwann wollte ich mich mit so einem Wetterleuchten zufrieden geben

aber dann kam Foto Nummer 178.

Danach habe ich die freie Anhöhe verlassen und bin nach Hause gefaradayt.


p.s.:

rechte Bildhälfte!

Das Besondere dieses Fotos habe ich erst gerade beim Sortieren entdeckt. Ein Blitz, der schon vorbei ist und eine hellgraue Spur verbrannter Luft hinterlassen hat.

Lesestoff

Püree und Privilegien


„Was soll ich euch denn heute kochen?“
Er grinst. „Ich hatte mich nicht getraut, schon wieder vom Essen zu reden. Marek will bestimmt irgendein Gemüse … Möhrchen und Erbschen oder so … und Kartoffelpüree. Grazyna hat den übrigens immer mit Schlagsahne gemacht. Tust du das auch?“
„Wen hat sie mit Schlagsahne gemacht?“
„Den Püree.“
Das Püree“, korrigiere ich lächelnd. „Und ich mache es nicht mit Schlagsahne, schließlich will ich es auch essen.“ Zur Erklärung klopfe ich auf meinen Bauch.
„Ich hätte schwören können, dass es der Püree heißt. Tja. Ich hab keine Ahnung vom Kochen und Grazyna hat immer der-die-das durcheinander geschmissen, das hab ich jetzt davon. Schorsch sagt übrigens, dass man das Püree durchaus mit Sahne machen kann, ohne deswegen dick zu werden. Das liegt nämlich gar nicht am Fett, sondern an den Kohlehydraten.“
„Verschon mich bitte mit solchen Sportlerweisheiten.“
„Er kennt sich echt mit Ernährung und Abnehmen und dem Kram aus. Bevor Lennart geboren wurde, hat er noch fast doppelt so viel gewogen. Übrigens wäre es bis vor einem Jahr gut für ihn gewesen, einen Unternehmensberater zu haben. Er war nämlich selbstständig und ist pleite gegangen, mit zuerst richtig viel Idealismus und jetzt richtig vielen Schulden.“
„Warum sagst du mir das? Es ist doch zu spät für ihn?“
„Damit du den Plan nicht aus dem Auge verlierst. Ich denk, du könntest da wirklich gute Dinge tun. Und es würde dir auch Spaß machen. Du magst doch diese rauen Handwerksburschen.“
„Die mir dann alle auf den Hintern hauen?!“
„Im Gegensatz zur englischen Oberschicht* wissen die meisten Handwerker, was sich gehört.“
„Niemand aus der englischen Oberschicht hat mir je auf den Hintern gehauen, ganz im Gegensatz zu dir.“
„Ja, siehste, nur ich mach das, es hat also nichts mit Handwerkern im Allgemeinen zu tun. Ich darf es allerdings, weil ich im Gegenzug eine Menge Privilegien biete, die nur du kriegst.“
„Zähl ein paar dieser Privilegien auf, damit wir von derselben Sache reden“, bitte ich amüsiert.
„Du darfst mich jederzeit flach legen, auch wenn ich halbverhungert und todmüde von der Arbeit komme. Du tust es meist nicht, was mir entgegen kommt, aber wahrscheinlich handelst du mit Berechnung, weil du nichts davon hättest, wenn ich k.o. bin.“
„Wenn das ein Privileg ist, will ich die anderen auch noch wissen. Alle.“
„Ich halte mich aus deiner Küche fern. Ich mische mich nicht in deine Geldgeschäfte ein. Du brauchst nicht auf Handwerker zu warten, wenn hier was kaputt geht. Ich fahre dich wohin du willst. Ich belustige deine Familie. Und so weiter, und so fort.“
„Aber das sind doch keine Privilegien, sondern ganz normaler Pärchenkram?“
Er grinst. „Es klingt aber besser, wenn man von Privilegien spricht.“


________________________________
*= die Sache mit der englischen Oberschicht ist zuvor erörtert worden, leider warst du nicht dabei

alles, was nirgends sonst reinpasst

Der Artikel des Tages

Am 24. Januar 2019 hatte ich den Gedanken, dass es fein wäre, einen Artikel des Tages zu küren, ganz subjektiv, nur nach meinen Empfindungen und Vorlieben.
Ich nahm einen Link von der entsprechenden Seite, aber irgendwas kam dazwischen, der Beitrag wurde nicht veröffentlicht, sondern versauerte im Ordner für Entwürfe.
Heute las ich bei Frau Rausausderaffenfalle eine Kritik zum ARD-Film „Operation Zucker – Jagdgesellschaft“ und gleich war mir klar:

das ist der Artikel des Tages.

Im Entwürfe-Ordner fand ich den damals angefangenen Beitrag mit dem darin abgelegten Link, und rate! Er ist auch von ihr! Damals ging es um Nutte, Hure, Bordsteinschwalbe – Einblicke in das Geschäft mit Sex, die Reaktionen der Christen darauf und viele viele Zahlen rund ums Thema Prostitution.
Auch wenn meine Auswahl subjektiv ist, empfehle ich dir, die beiden Beiträge zu lesen und es dir auf der Zunge zergehen zu lassen, wie in unserem ordentlichen Wohlstands-Deutschländchen mit Menschen umgegangen wird.