Lesestoff

Ich habe ihn nicht verraten.

Bei euch Christen und den Juden habe ich einen schlechten Ruf, ihr nennt mich eine geldgeile Verräterin. Aber ich habe nicht aus Berechnung gehandelt.

Ich hatte diesen stattlichen Kerl kennen gelernt und es war Liebe auf den ersten Blick. Bei uns beiden. Das Problem daran: unsere Völker waren seit Jahrhunderten verfeindet. Mal waren seine Leute mächtiger und machten unser Land platt, gerade war es andersrum. Leider teilten sich beide Völker denselben kleinen Streifen Land, sodass es immer wieder zu Konflikten kam, und das ist bis heute so geblieben.
Samson ging ein hohes Risiko ein, um mich zu sehen. Aber er hatte keine Angst, denn er war sehr stark und außerdem ein Auserwählter vom Hauptgott seines Volkes. Überhaupt war er krass drauf; er aß nur halal (aber nach den Vorschriften seines Volkes), trank keinen Alkohol und trug lange Dreads, die er angeblich noch nie geschnitten hatte.

Natürlich sprach es sich rum, wer mein Liebster war. Eines Tages kamen ein paar meiner Brüder zu mir und putzen mich lautstark runter: „Du strohdumme Tussi! Dein Stecher ist Staatsfeind Nr. 1 und du glaubst an die große Liebe! Du wirst für uns rauskriegen, warum er so stark ist!“
Was bleibt einem Mädchen übrig? Bei Samsons nächstem Besuch fragte ich danach. Erst wollte er wissen, warum mich das interessierte, aber schließlich rückte er raus: „Wenn du mich mit sieben neuen Nylonseilen fesselst, werd ich nur noch so stark sein wie ein normaler Mann.“
Als er eingeschlafen war, besorgten sie die Seile, fesselten ihn und einer rief zum Test: „Ey, Samson, alte Schlampe! Die Philister greifen an!“ Schneller als einer gucken konnte, zerriss er die Seile und verpasste den Brüdern eine Tracht Prügel, die sie so bald nicht vergessen würden.

Leider wusste danach die ganze Familie, wen ich liebte. Unser Vater Abbas (das bedeutet „der Düstere“, was haargenau passte, er war ein grimmiger Patriarch) ließ mich holen und riet mir, sehr schnell das wahre Geheimnis seiner Kraft rauszukriegen, „sonst schicke ich dich auf den Strich, du Tochter einer Hure!“ Ich hätte meine Mutter gerne verteidigt, aber ich traute mich nicht.
Samsons nächste Antwort war, dass man ihn mit stählernen Handschellen und Ketten fixieren solle, dann werde er schwach. Alles übrige wiederholte sich, er zerriss die Dinger, als wären sie aus Teig und verteilte dann Prügel. Mir wurde schlecht vor Angst. Wieso belog er mich? Ich hatte ihm doch gesagt, was für mich auf dem Spiel stand? Aber er baute sich vor meinem Vater auf und drohte: „Niemand rührt Dalila an. Verstanden?“

Es wurde immer absurder. Die fünf Oberkommandanten unserer Armeen besuchten meinen Vater und boten ihm jeder eine Million für Samsons Geheimnis. Ich wollte nicht mehr darüber reden, ich wusste ja doch, wie das ausgehen würde, aber ich wurde nicht gefragt. Samson war genervt, als ich wieder damit anfing, aber er ertrug meine Tränen nicht und sagte irgendwann: „Wenn ihr meine Dreads fest zusammenflechtet und einen Zaunpfahl hineinschlagt, wird dein Vater ein reicher Mann, ohne was dafür tun zu müssen.“
Und was soll ich sagen, es lief so gut oder schlecht wie zuvor. Alle kassierten Prügel, die Million blieb, wo sie war, und ich wachte einen Tag später grün und blau geschlagen in dem Bordell auf, das irgendwie zur Familie gehörte. Irgendwann fand Samson mich dort; überall hatte er nach mir gesucht. Er konnte nicht glauben, was passiert war und versprach mir, mich da rauszuholen. Auf dem Weg in mein Zimmer hielt mich eine Kollegin auf, „Post für dich. Eilt.“ Ich riss den Umschlag auf. „Wenn du heute nicht spurst, kannst du anschaffen, bis ich fünf Millionen an dir verdient habe. Das Mikro ist an.“ Wie betäubt ging ich weiter. Abbas, der Düstere, hatte seine Interessen nicht aus dem Blick verloren. Ich war ihm ausgeliefert.

Ich versuchte Samson zu erklären, was mich erwartete, aber er machte mir Mut, dass er mich ja retten würde. Weinend redete ich auf ihn ein. Irgendwie erreichte ich sein Herz; er tröstete mich, sagte mir sein Geheimnis und wir liebten uns, bis wir einschliefen.

Ich habe ihn nicht verraten. Ich hatte keine andere Wahl.

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Ich mag den Gedanken „was wäre, wenn“.
Was wäre, wenn Dalila (in der Bibel, Richter 16,4-20, heißt sie Delila) ein nettes Mädchen war, das bloß gewalttätige Brüder und einen unberechenbaren Vater hatte, und in der Männergesellschaft des vorderen Orient nichts zu sagen hatte?
Auf die Idee brachte mich ein Gespräch, in dem es um Vornamen der Bibel ging und warum manche bei werdenden Eltern überhaupt nicht populär sind. Goliath zum Beispiel.

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der Monat, der sechs Wochen dauerte

Das klingt fast wie eine dieser Geschichten, die seit einiger Zeit zuhauf auf dem Buchmarkt zu finden sind. Wie zum Beispiel: Die Analphabetin, die auf den Baum stieg und verschwand (eine hastige Zusammenfassung).
Es ist aber keine Geschichte, eher ein Schuldeingeständnis.

Beim Schreiben eines längeren belletristischen Textes ist das Anlegen eines Kalenders fast unerlässlich. Seit dem ungefähr dritten oder vierten Schreibprojekt beherzige ich das, meist sogar zu einem recht frühen Zeitpunkt. Man verliert sonst einfach zu schnell den Überblick, vor allem, wenn in der Geschichte mehr als drei oder vier Personen mitmischen.
Tzja, und dieser Monat mit den sechs Wochen?
Der ist mir trotz aller Vorsichtsmaßnahmen passiert.
Nun muss ich zusehen, dass ich da wieder Ordnung hineinbekomme, möglichst ohne allzu viel Text zu opfern.
Es hat Ähnlichkeiten mit dem Bau eines Dudelsacks, wo man ja auch eine Ziege nimmt, die Ziege aus ihr herausholt, etc. etc. So nehme ich meinen Monat, schüttele alle Ereignisse aus den Wochen in eine Kiste und sehe zu, dass ich sie sinnvoll unterbringe.
In solchen Momenten frag ich mich oft, ob ich sie eigentlich noch alle hab.

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Gemüsesaft

„Bist du heute Abend noch für ein Experiment zu haben?“
Er gähnt. „Kommt drauf an, womit sich das Experiment befasst.“
„Guck es dir an.“ Ich gehe voraus in die Küche und stelle meine Trinkgläser und Tassen, gefüllt mit Gemüsesaft, auf die Insel. Skeptisch beäugt er sie. „Das sieht furchtbar grün aus.“
„Und grün steht dir furchtbar gut, mein Schatz. Du hast gesagt, dass du Gemüse nicht magst, weil es so knackt und kracht beim Kauen. Dieses Gemüse hier wird ganz sicher nicht knacken und krachen. Probierst du es?“
„Muss ich das alles austrinken?“
„Nein. Nur an jedem kosten.“ Er nimmt das erste Glas und riecht vorsichtig daran. „Und du weißt, was drin ist und das kommt später ins Essen?“
„Wenn es dir schmeckt.“ Er ist süß, wie er sich so ausführlich nach den Bedingungen erkundigt, misstrauisch, aber trotzdem mutig genug, sich auf mein Experiment einzulassen. „Ich will euch nur mal miteinander bekannt machen.“
„Hallo Gemüse, ich bin der Lorenz“, stellt er sich vor und nippt am dunkelgrünen Saft. „Hm.“ Er nimmt einen etwas größeren Schluck. „Geht so.“
Ich stelle das Glas beiseite, er nimmt das nächste. Mit Riechproben und Schlückchen arbeitet er sich durch die Versuchsreihe. Ich sortiere die Säfte nach „geht so“ und „igitt“, und füge schließlich die Kategorie „lecker“ hinzu. „Da staunst du, was?“, neckt er mich. „Dein Wikinger mag Gemüse!“
„In der Tat, ich staune. Wer hätte das gedacht! Willst du die Namen von deinen neuen Freunden wissen?“ Er nickt. „Spinat, Kohlrabi und Mais. Probier noch das orange.“
„Bestimmt ist es Möhre, oder?“
„Natürlich“, lache ich.
„Lecker.“
„Und das hier.“
„Ha, das kenn ich, das ist Tomate. Allerdings … hm, die schmeckt ja ziemlich langweilig. Ich dachte, die wäre … leckerer.“ Er gibt mir das Glas zurück und ich teste ebenfalls. „Was hast du an dieser aromatischen Biotomate auszusetzen?“
„Aromatisch?! Na ja, vielleicht nehmen die für Tomatensoße ne andere Sorte.“
„Ach das meinst du. Nein, da sind Geschmacksverstärker drin, je billiger die Soße, desto mehr.“
„Aha. Tomatensoße, die gar nicht nach Tomate schmeckt. Verrückt.“ Ich gebe ihm das nächste Glas. „Komische Farbe … aber lecker. Was ist das?“
„Rote und gelbe Paprika. Und hier, nimm das auch noch.“
„Ist das Gemüse? Es riecht ganz … fruchtig.“ Er trinkt den Saft in einem Zug. „Lecker.“
„Das ist rote Bete. Übrigens macht es rosa Pipi, erschrick morgen nicht.“ Er lacht, „wahrscheinlich tanze ich die halbe Nacht durchs Haus, weil ich ne Überdosis Vitamine intus habe. Aber wie lange hast du gebraucht, bis du die Sachen alle flüssig hattest? Oder kann man das kaufen?“
„Es gibt Gemüsesaft zu kaufen, aber der enthält mindestens noch Salz, wenn nicht eine Mischung aus verschiedenen Gemüsesorten. Ich wollte nur den Eigengeschmack haben, also habe ich sie durch meine Saftpresse gejagt.“
„Und was hast du mit den trockenen Resten gemacht?“
„Die meisten hatte ich heute in meinem Mittagessen. Wenn du Gemüse lieber trinkst als isst, mache ich dir in Zukunft Smoothies.“
„Aber das ist doch wahnsinnig viel Arbeit?“
„Überhaupt nicht. Bei Smoothies bleibt ja nicht mal ein trockener Rest übrig.“
„Dann mach mir in Zukunft bitte Smoothies.“
„Sehr gerne.“ Mein Wikinger will tatsächlich Gemüse verzehren! Wie schön!
„Was meinst du – machen Vitamine gute Laune? Vorhin auf dem Sofa wollte ich gar nichts mehr nach dem Scheißtag. Vielleicht sollte ich die grünen Vitamine morgens trinken.“
Er ist zum Küssen. „Wenn du möchtest, mache ich dir zu jeder Tages- und Nachtzeit Gemüsedrinks, so viele du willst.“
„Heute brauche ich keine mehr. Komm, wir gehen schlafen.“

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Absatzgeklapper im Treppenhaus

Absatzgeklapper im Treppenhaus.
Schlüssel raus, Tür auf, Tür zu, Schlüsselbund fliegt in die Ecke des Telefonregals. Geklapper hört auf, weg mit den grausigen Schuhen, Freiheit für die Zehen!
Hallo Kätzchen! Gleich gibt’s Futter für euch.
Puh, endlich Feierabend. Dieser Sachgebietsleiter!!! So ein Arschloch.
Verbleibende Zeit bis zum Beginn des Spieleabends: Zwei Stunden.
Das ist noch zu tun: Küche wischen, Gästeklo putzen, Wohnung aufräumen, duschen, was vernünftiges essen. Kevin kommt später, er ist noch in der Firma.
Nach zwei Zeitrafferstunden ist das getan: Gästeklo geputzt, nur Wohnzimmer aufgeräumt, geduscht. Die Küche klebt nach wie vor, ihr Magen beherbergt ein Rudel Wölfe.
Wohnungstür geht auf und zu, Kevin. Hallo Schatz, wie war dein Tag, ja, geht so, und deiner?
Er will Details zum Tage erzählen, sie will sich noch schnell was zwischen die Kiemen schieben. Passt ihm nicht: Hör mir doch mal zu!
Tu ich doch, ich kann zugleich essen und zuhören.
Sie hat dreimal abgebissen, als es klingelt. Lucy und Silas stehen im Flur, bestens gelaunt, Spiele unterm Arm, Snacks in der Tüte.

Silas erklärt das erste der mitgebrachten Spiele.
Das hab ich nicht verstanden, sagt sie.
Ganz einfach. Er beginnt von vorne.
Kevin mault. Hör doch gefälligst zu. Nie hörst du zu.
Sie kontert: Stimmt gar nicht.
Die Spielregeln hat sie jetzt kapiert. Sie sperrt die gereizte Laune im Keller ein. Will den Abend nicht verderben.
Sie verbündet sich mit Lucy. Kevin verliert die erste Runde.
Die zweite auch.
Ihre Laune darf den Keller verlassen.
Wieder gewonnen.
Kevin vermutet, dass das kein Zufall ist: Ihr bescheißt mich.
Tun wir gar nicht.
Zick hier nicht so rum.
Ich zicke nicht rum.
Kriegst du etwa deine Tage?
Bitte?! Mehr fällt ihr nicht ein.
Ich hab dich gefragt, ob du deine Tage kriegst. Du bist dermaßen geladen!
Jetzt fällt ihr was ein: Stell dir vor, ich hatte das verstanden, aber ich frag dich auch nicht, ob du Samenstau hast, bloß weil du Stress hattest in der Firma und dein SGL ein beschissener Chauvi ist und du hier noch alles ordentlich machen musstest und nicht mal die Hälfte geschafft hast und dann auch noch stillsitzen und zuhören musst und dabei nicht mal was essen darfst!!
Lucy und Silas gucken sich erstaunt an, Silas zieht den Kopf ein: Sollen wir lieber … ähm, gehen?
Nein, knurrt sie.


erschienen in „Der Kranke Bote – das Jesus Freaks Magazin“, Ausgabe 1/2011

Das Jesus Freaks Magazin heißt inzwischen Korrekte Bande.
Werde Teil der Bande!

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Rotstiftmilieu

„Hier, du musst das noch unterschreiben“, sagt sie und hält mir ein Formular hin. Ich nehme einen herumliegenden Kugelschreiber und setze meinen Friedrich-Wilhelm darunter. „Und untersteh dich, den Stift mitgehen zu lassen!“, warnt sie.
„Seh ich aus, als hätte ich es nötig, deine Stifte zu klauen?“
„In diesem Büro weiß man nie. Es hat ein schwarzes Loch, in dem regelmäßig meine Stifte verschwinden, und die roten besonders schnell.“
„Arbeitest du im Rotstiftmilieu?“, kalauere ich.
Sie winkt ab. „Ich brauche sie für die Buchungen, und ich schreibe in rot, damit man die Nummern sofort auf dem Kontoauszug findet. Deswegen ist es doppelt lästig, dass sie ständig verschwinden.“
„Zeig mal einen.“
„Einen Kontoauszug? Das geht dich nichts an.“
„Blödsinn. Einen Stift.“
Sie zieht ihre Schreibtischschublade auf und nimmt einen heraus. Ich mache einen langen Arm und schon ist er weg. „He!“, protestiert sie.
Grinsend hebe ich die Schultern. „Schwarzes Loch. Kann man physikalisch erklären.“
Sie kommt um ihren Tisch herum und will ihn einfangen. Mit der einen Hand halte ich den Stift hoch, mit der anderen Nadine auf Abstand. „Ich trete dich!“, droht sie mir an.
Darüber lache ich. „Schwarze Löcher verfügen üblicherweise über eine enorme Sogwirkung. Das heißt, dass sich der Gegenstand nicht mal in der direkten Umgebung des Lochs befinden muss. Je kleiner und leichter er ist, desto schneller wird er geschluckt.“
„Sehr witzig! Das will ich nicht wissen, ich will meinen Stift zurück haben!“
„Solltest du aber. Naturgesetze sind in allen Bereichen des Lebens einsetzbar, wenn man sie anzuwenden weiß. Wie oft geht unser werter Chef am Tag hier vorbei und hat was zu notieren?“
„Er ist nicht mein Chef, sondern mit meiner Chefin liiert!“
„Haarspalterei! Ich sehe das Loch mindestens jeden Donnerstag. Und es wird von Woche zu Woche größer.“
„Soso“, stellt Georg fest. Er lehnt in seiner Bürotür, ich weiß nicht, wie lange schon.
Nadine lässt von mir ab und schiebt sich an ihm vorbei in das Zimmer. Kurz darauf kommt sie mit einer Hand voller Stifte zurück, nimmt mir meinen weg und verstaut sie alle in ihrer Schublade. „Und jetzt mal wieder an die Arbeit, verstanden? Wir sind ein Elektroinstallationsbetrieb und kein Debattierklub.“
„Sie hören sich an wie der Mann, mit dem Ihre Chefin liiert ist“, schmunzelt Georg.

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Kimberley

„Übrigens gibt es Neuigkeiten vom kleinen Unfall“, beendet er meine Gedanken. „Es wird ein Mädchen, zum Glück! Jungs machen doch nur Ärger und Lärm und Dreck.“
„Schorsch hat recht. Du bist echt ein Mädchen-Typ. Mit Zöpfchen und Schleifchen und dem ganzen rosa Glitzerkram.“
„Der ist nur neidisch, weil er keine hat“, lacht er. „Aber damit fangen die Schwierigkeiten für mich erst an. Es ist nämlich mein Job, dem Töchterlein einen Namen auszusuchen. Der muss e und a haben, er muss spanisch-kompatibel sein und zum Nachnamen passen, und außerdem muss Olivia ihn gleich beim ersten Hören toll finden. Die Messlatte liegt hoch, sag ich dir.“
„Was meinst du mit spanisch-kompatibel?“
„Sera ist die türkische Form von Sarah und die Kurzform von spanisch Serafina. Leyla gibt es mit unterschiedlicher Schreibweise in beiden Sprachen. Wenn das so einfach wäre mit den Namen, wäre es keine Aufgabe, die einen Vater die Nächte kostet.“
„Und ich hatte mir schon ausgemalt, du würdest das nächste Mädchen Kimberley nennen.“
Er starrt mich an. „Warum sollte ich eins meiner schönen Kinder mit so einem scheußlichen Namen strafen? Kimberley! Kimberley Yildirim, das ist kein Name, sondern ein Zungenbrecher!“
„Na eben. Du füllst ihre Verehrer mit diesem süßen spanischen Wein ab und nur wer ihren Namen dreimal schnell aussprechen kann, darf um ihre Hand anhalten.“
„Du hast echt einen an der Waffel.“

(Deswegen verstehen wir uns so gut.)

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Möhrenflugzeug

Carina und Marek bereiten schon das Abendessen vor, als ich zurück komme. Sie steht am Herd und er sitzt neben ihr auf einem Hocker und hat lauter Gemüseschnitze vor sich auf dem Brett.
„Hi Papa, guck mal, was ich gebaut hab!“ Er zeigt mir ein orangefarbenes Flugzeug. Erst als ich es näher betrachte, sehe ich, dass es aus Möhre ist.
„Cool. Wie hast du die Flügel festgemacht?“
„Die hab ich so ganz dünn geschnitzt und dann mit dem Messer da einen Ritz rein und die Flügel da durch gesteckt“, erklärt er. „Das nehm ich morgen mit in den Kindergarten.“
„Aber die Möhre wird ja schrumpelig, wenn die trocknet, dann sieht es nicht mehr gut aus“, wirft Carina ein. „Iss es lieber auf.“ Ich setze mich neben ihn. „Genau, und dann fliegt es die ganze Nacht in deinem Bauch rum.“
„Papa, das geht doch gar nicht!“ Prüfend guckt er mich an, ob ich wohl einen Witz gemacht habe. „Da ist doch gar kein Motor drin!“
„Wie, da ist kein Motor drin? Ist es ein Segelflugzeug?“
„Neiiiin“, lacht er und klopft mir an die Stirn, „es ist ein Möhrenflugzeug!“
„Ein Möhrenflugzeug. Soso. Weißt du, was ich mit einem Möhrenflugzeug machen würde?“
Er nickt erwartungsfroh, „Zeig mal, Papa.“
Ich nehme es aus seiner Hand und beiße ein Stück vom Flügel ab. Meinem Sohn fallen fast die Augen aus dem Kopf. „Papa! Du machst mein Flugzeug kaputt!“
„Na sicher“, tue ich, als sei es das normalste der Welt, „dafür ist es gemacht, oder?“ Ich beiße noch mal ab.
„Du machst mein Flugzeug kaputt!“, schreit er erneut und schlägt nach mir.
„Ach komm, Marek, es ist Möhre und Möhre ist zum Essen.“
Er heult, „Aber du magst überhaupt kein Gemüse und wieso isst du jetzt mein Möhrenflugzeug auf?“ Er springt vom Hocker und boxt mich. Ich versuche ihn zu beruhigen. „Marek, krieg dich bitte wieder ein, ja?“ Ich wollte nicht, dass er gleich so außer sich gerät.
Carina hält meinen Kopf fest und sagt mir ins Ohr: „Kauen. Und runterschlucken. Sonst verpetze ich dich.“
„Fall du mir auch noch in den Rücken. Guck, Marek, ich bau dir ein neues Flugzeug, reg dich ab.“ Ich hebe ihn neben mir auf den Hocker, nehme eine lange gerade Möhre für die Tragfläche und schnitze und ritze, wie er es mir eben erklärt hat. Zwischendurch trockne ich sein Gesicht ab, „War doch nur ein Spaß. Sei nicht mehr böse, ja?“ Er nickt.
Auf einmal fragt er: „Was hast du da für einen Knubbel?“ und tippt auf meine Wange.
„Das ist die Möhre, die der Papa noch aufessen will“, macht Carina ihre Drohung wahr. „Möhren kann man nämlich nicht lutschen.“
Ich haue ihr auf den Hintern und sie kontert: „Gewalt ist keine Lösung, mein Schatz.“
Ich muss hier mal dringend von mir ablenken, so geht das nicht weiter. „Am Samstag besuchen wir übrigens den Lennart.“
„Cool“, freut Marek sich. Das Flugzeug ist fertig. „Gut so?“, hole ich mir das Okay des Ingenieurs. Er lächelt wieder. In einem unbeobachteten Moment entsorge ich die Möhrenstücke. So einen blöden Spaß lasse ich mir bestimmt nicht noch mal einfallen.