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Die Löwin im Büro

Am Mittwochmorgen ist das Büro ziemlich bevölkert. Georg und Silke sitzen Seite an Seite an ihrem Schreibtisch und brüten über irgendwelchen Sachen im Computer. Nadine arbeitet auch schon. „Da bist du ja endlich. Es ist ganz ungewohnt, vor dir anzukommen“, sagt sie.
„Ich hatte keine Lust, Kaffee zu machen.“
„Dazu wirst du ja sonst auch immer gezwungen“, lacht sie.
Ich nehme mir eine Tasse und fülle sie. Unangenehme Dinge erledigt man am besten sofort, also hole ich entschlossen Luft, doch nach einem einleitenden „Ähm“ entweicht sie ziemlich ungenutzt. Zweiter Anlauf. „Also, ich wollte mal fragen“ … keiner fühlt sich angesprochen. Mist. Wer dürfte denn zuständig sein? Im Zweifelsfalle der Chef. Als hätte er gemerkt, dass ich was von ihm will, schaut er auf, „Es gibt übrigens eine gute Nachricht für dich, Lorenz. Hubert hat sich die Grippe eingefangen.“
„Was daran soll die gute Nachricht sein?“
„Dass du dein Team noch weiter leiten kannst.“
„Aha. Und … ähm, wie lange ist er krank?“
„Wie soll man das vorher wissen? Er fühlte sich gestern schon mies, hat er gesagt, aber Doris besteht drauf, dass er seit Montag krank ist. Zum Betriebsausflug kommt er auf jeden Fall, den Urlaub will er irgendwann nachholen.“
Meinen neuen Urlaubsplanungen zufolge breche ich am Tag nach dem Betriebsausflug Richtung Polen auf. Was, wenn Hubert bis dahin nicht wieder auf dem Damm ist? Georg wird sich ja kaum noch einen dritten Teamleiter suchen wollen. Muss ich dann den Urlaub verschieben? Die komplette Planung steht und fällt mit dem Abschluss der Irrenhaus-Baustelle, ich muss sie vorher beenden. Aber Hubert ist seit Februar da zugange, wie soll ich das Elend bis zum Betriebsausflug in nur noch zweieinhalb Wochen abschließen? Das ist so realistisch wie „Lorenz, verdammte Scheiße!“, schreit Silke mich an, dass mir vor Schreck die Tasse aus der Hand fällt. Leider war noch was drin und der Henkel bricht auch ab. „Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?“
Sie faucht wie eine Löwin. „Erstens hast du nichts schon wieder falsch gemacht, und zweitens hör gefälligst auf zu denken! Wenn du denkst, verziehst du das Gesicht so komisch. Das macht Falten! Du bist viel zu jung für solche Falten, kapiert?“
Und dafür schreit sie mich so an? Meine Güte! Ich hole Papiertücher aus dem Damen-WC auf dieser Etage und wische die Pfütze auf, die Bruchstücke werfe ich in den Müll. Georg sagt: „Übrigens erwarte ich dich morgen zu Feierabend bei mir im Büro.“
„Warum?“ Außerdem: warum sieht er aus, als fände er das Ganze sehr unterhaltsam?
„Die Teamleiter und ich halten jede Woche eine kleine Lagebesprechung.“
„Aber ich muss doch Marek abholen.“
„Es dauert nicht lange.“
Ich starte meinen nächsten Versuch – und falle mit der Tür ins Haus: „Gehört zur privaten Nutzung des Firmenfahrzeugs eigentlich auch die Fahrt in den Urlaub?“
„Ja“, sagt Georg und zugleich Silke: „Wo geht’s denn hin?“
„Miastko. Das ist in Polen. Bei Danzig.“
„Jaha“, leiert Georg. Silke sagt: „Hm, mit nem Neuwagen nach Osteuropa … da müssen wir mal wegen der Versicherung gucken … wie weit ist das?“
„Rund tausend Kilometer.“
Georg haut auf den Tisch. „Hört mir mal einer zu? Ich bin der Chef, ich bestimme in diesem Laden! Und wenn Lorenz unbedingt mit der lahmen Gurke und nicht mit nem normalen Auto in Urlaub fahren will, dann soll er das tun! Egal wie weit es ist! Basta!“ Hinter Nadines Bildschirm erklingen erstickte Geräusche, ihre Schultern zucken, das Gesicht – soweit ich es sehen kann – ist knallrot. „Atmen, Frau Heckner!“, poltert er.
„Kann ich vielleicht auch noch ein paar“ „Schweig stille, mein Herz, schweig still“, unterbricht er mich tief seufzend. Hilfe! Wird er mich als nächstes mit „Schatzi“ ansprechen? Silkes Reaktion ist auch alles andere als vorhersehbar: sie küsst ihn auf die Wange. „Mein Kulturbanause zitiert Mörike. Da war also doch nicht alles umsonst.“
Georg grinst. „Merk dir das für dein zukünftiges Leben, Lorenz. Ein schönes Zitat zur richtigen Zeit, und die Frau liegt dir zu Füßen.“
„Wo hast denn du heute deine Füße?“, spottet sie gleich wieder, und zu mir: „Um deine Frage zu beantworten: Nimm mit, was du haben willst, schreib es auf und denk gelegentlich dran, dass es dein Urlaub ist. Urlaub, verstanden? Nichtstun, Zeit für Marek und so.“

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darf ich sie nun lieben?

In diversen Ratgebern und Seminaren übers Schreiben von Belletristik habe ich gelernt, dass es fürs Gelingen des Werks unabdingbar ist, dass der Autor seine Hauptpersonen nicht liebt; mehr noch, er muss ihnen alles Schlechte der Welt zufügen. Die Krönung der Geschichte ist, wenn der tragische Held am Schluss erschossen wird (o.ä.).
Ich fand diese „Schreib-Weise“ immer schlimm, aber wenn das Gelingen davon abhängt?
Also habe ich mir beim nächsten Start eines neuen Projekts mehr Mühe gegeben oder im bereits begonnenen Werk Szenen geändert und so weiter. Aber Spaß hat es nicht gemacht.
Das Leben meiner Hauptpersonen besteht längst nicht bloß aus Sonnentagen; sie haben ja ein ziemlich normales Leben, aber es muss doch immerhin ein Leben bleiben. Außerdem hatte ich sie erfunden – wie kann ich einer meiner Erfindungen Pest, Cholera und Haarausfall auf den Hals wünschen?

Jetzt habe ich ein Interview mit Jan Seghers gelesen zu seinem nicht mehr so neuen Roman „Menschenfischer“, dem 6. Fall von Kommissar Marthaler und bin sehr erleichtert. Er mag seinen Marthaler (ich übrigens auch, zumindest den aus den Verfilmungen – Matthias Koeberlin ist einfach toll). Herr Seghers ist ein ziemlich erfolgreicher Schreiberling. Das heißt, es geht. Man darf seine Hauptpersonen lieb haben.
Puh.
Hier geht es zum Interview beim Rowohlt Verlag.

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Püree und Privilegien


„Was soll ich euch denn heute kochen?“
Er grinst. „Ich hatte mich nicht getraut, schon wieder vom Essen zu reden. Marek will bestimmt irgendein Gemüse … Möhrchen und Erbschen oder so … und Kartoffelpüree. Grazyna hat den übrigens immer mit Schlagsahne gemacht. Tust du das auch?“
„Wen hat sie mit Schlagsahne gemacht?“
„Den Püree.“
Das Püree“, korrigiere ich lächelnd. „Und ich mache es nicht mit Schlagsahne, schließlich will ich es auch essen.“ Zur Erklärung klopfe ich auf meinen Bauch.
„Ich hätte schwören können, dass es der Püree heißt. Tja. Ich hab keine Ahnung vom Kochen und Grazyna hat immer der-die-das durcheinander geschmissen, das hab ich jetzt davon. Schorsch sagt übrigens, dass man das Püree durchaus mit Sahne machen kann, ohne deswegen dick zu werden. Das liegt nämlich gar nicht am Fett, sondern an den Kohlehydraten.“
„Verschon mich bitte mit solchen Sportlerweisheiten.“
„Er kennt sich echt mit Ernährung und Abnehmen und dem Kram aus. Bevor Lennart geboren wurde, hat er noch fast doppelt so viel gewogen. Übrigens wäre es bis vor einem Jahr gut für ihn gewesen, einen Unternehmensberater zu haben. Er war nämlich selbstständig und ist pleite gegangen, mit zuerst richtig viel Idealismus und jetzt richtig vielen Schulden.“
„Warum sagst du mir das? Es ist doch zu spät für ihn?“
„Damit du den Plan nicht aus dem Auge verlierst. Ich denk, du könntest da wirklich gute Dinge tun. Und es würde dir auch Spaß machen. Du magst doch diese rauen Handwerksburschen.“
„Die mir dann alle auf den Hintern hauen?!“
„Im Gegensatz zur englischen Oberschicht* wissen die meisten Handwerker, was sich gehört.“
„Niemand aus der englischen Oberschicht hat mir je auf den Hintern gehauen, ganz im Gegensatz zu dir.“
„Ja, siehste, nur ich mach das, es hat also nichts mit Handwerkern im Allgemeinen zu tun. Ich darf es allerdings, weil ich im Gegenzug eine Menge Privilegien biete, die nur du kriegst.“
„Zähl ein paar dieser Privilegien auf, damit wir von derselben Sache reden“, bitte ich amüsiert.
„Du darfst mich jederzeit flach legen, auch wenn ich halbverhungert und todmüde von der Arbeit komme. Du tust es meist nicht, was mir entgegen kommt, aber wahrscheinlich handelst du mit Berechnung, weil du nichts davon hättest, wenn ich k.o. bin.“
„Wenn das ein Privileg ist, will ich die anderen auch noch wissen. Alle.“
„Ich halte mich aus deiner Küche fern. Ich mische mich nicht in deine Geldgeschäfte ein. Du brauchst nicht auf Handwerker zu warten, wenn hier was kaputt geht. Ich fahre dich wohin du willst. Ich belustige deine Familie. Und so weiter, und so fort.“
„Aber das sind doch keine Privilegien, sondern ganz normaler Pärchenkram?“
Er grinst. „Es klingt aber besser, wenn man von Privilegien spricht.“


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*= die Sache mit der englischen Oberschicht ist zuvor erörtert worden, leider warst du nicht dabei

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Gemeinheitsecken

Lorenz rennt durch den Regen herüber und fährt sich ein paarmal mit der Hand über den Kopf, um die Nässe loszuwerden. „Lass das!“, schimpfe ich, „Ich mag das nicht, wenn du die Haare so unordentlich hast!“
„Wieso regst du dich so auf? So seh ich doch immer aus?“
„Ja, leider! Du bist ein attraktiver Mann und dein zugegeben schöner Bart ist dir das wichtigste, der wird gepflegt mit fast allen Mitteln, die der Markt hergibt. Aber was soll diese Esel-unterm-Bauch-Frisur? Wie sieht denn das aus?“
„Vielleicht warte ich drauf, dass da mal einer für Ordnung sorgt?“, gibt er grinsend zurück.
Wenn das so ist! Ich fasse seinen Kopf, „Halt still“, und kämme mangels Kamm oder Bürste mit den Fingern. Lorenz macht sich los. „Carina, ich hasse es, wenn du mir die Haare so nach hinten machst. Da hab ich ja fast ne Stirn bis zum Hinterkopf!“
„Du übertreibst maßlos.“
„Tu ich nicht. Mit dieser peinlichen Frisur sieht es auch der letzte, dass ich früher oder später ne Glatze kriege.“ Er lässt mich stehen und verschwindet im Haus.
Ich finde den Strubbel im Badezimmer, wo er gerade seine Arbeitskleidung auszieht, um sie in die Waschmaschine zu stopfen. „Vielleicht solltest du doch mal zu dem Frisör gehen, den ich dir vor Monaten empfohlen habe, und ihn fragen, was man in dem Fall tun kann. Frisöre sind Fachleute für diese Stellen auf dem Kopf, die man nicht so gerne sieht.“ Er brummt. „Außerdem kriegst du so bald keine Glatze. Das hier sind zwei hübsche kleine Geheimratsecken.“
„Was hab ich? Gemeinheitsecken?!“
„Geheimratsecken“, betone ich, obwohl ich sicher bin, dass er mich verstanden hat und nur ablenken wollte. „Wenn du dir Mareks Haaransatz anschaust, wirst du, noch nicht so ausgeprägt, dasselbe sehen.“
„Aha.“
„Willst du erst duschen oder erst essen?“
„Nix von beidem. Ich muss noch mal weg“, sagt er, steigt zurück in die staubigen Klamotten und schiebt sich an mir vorbei durch den Türrahmen.
„Wo willst du hin?“, wundere ich mich. Mein Schatz kommt von der Arbeit und will nichts essen?! Muss ich mir Sorgen machen? Er gibt mir einen flüchtigen Kuss und brummt etwas, das wie „zum Frisör“ klingt. Je länger ich aber darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass er was anderes gesagt hat. Warum sollte er nur wegen unseres kleinen Streits um seine Haare zum Frisör gehen? So einsichtig ist er ja sonst auch nicht.

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Ich habe ihn nicht verraten.

Bei euch Christen und den Juden habe ich einen schlechten Ruf, ihr nennt mich eine geldgeile Verräterin. Aber ich habe nicht aus Berechnung gehandelt.

Ich hatte diesen stattlichen Kerl kennen gelernt und es war Liebe auf den ersten Blick. Bei uns beiden. Das Problem daran: unsere Völker waren seit Jahrhunderten verfeindet. Mal waren seine Leute mächtiger und machten unser Land platt, gerade war es andersrum. Leider teilten sich beide Völker denselben kleinen Streifen Land, sodass es immer wieder zu Konflikten kam, und das ist bis heute so geblieben.
Samson ging ein hohes Risiko ein, um mich zu sehen. Aber er hatte keine Angst, denn er war sehr stark und außerdem ein Auserwählter vom Hauptgott seines Volkes. Überhaupt war er krass drauf; er aß nur halal (aber nach den Vorschriften seines Volkes), trank keinen Alkohol und trug lange Dreads, die er angeblich noch nie geschnitten hatte.

Natürlich sprach es sich rum, wer mein Liebster war. Eines Tages kamen ein paar meiner Brüder zu mir und putzen mich lautstark runter: „Du strohdumme Tussi! Dein Stecher ist Staatsfeind Nr. 1 und du glaubst an die große Liebe! Du wirst für uns rauskriegen, warum er so stark ist!“
Was bleibt einem Mädchen übrig? Bei Samsons nächstem Besuch fragte ich danach. Erst wollte er wissen, warum mich das interessierte, aber schließlich rückte er raus: „Wenn du mich mit sieben neuen Nylonseilen fesselst, werd ich nur noch so stark sein wie ein normaler Mann.“
Als er eingeschlafen war, besorgten sie die Seile, fesselten ihn und einer rief zum Test: „Ey, Samson, alte Schlampe! Die Philister greifen an!“ Schneller als einer gucken konnte, zerriss er die Seile und verpasste den Brüdern eine Tracht Prügel, die sie so bald nicht vergessen würden.

Leider wusste danach die ganze Familie, wen ich liebte. Unser Vater Abbas (das bedeutet „der Düstere“, was haargenau passte, er war ein grimmiger Patriarch) ließ mich holen und riet mir, sehr schnell das wahre Geheimnis seiner Kraft rauszukriegen, „sonst schicke ich dich auf den Strich, du Tochter einer Hure!“ Ich hätte meine Mutter gerne verteidigt, aber ich traute mich nicht.
Samsons nächste Antwort war, dass man ihn mit stählernen Handschellen und Ketten fixieren solle, dann werde er schwach. Alles übrige wiederholte sich, er zerriss die Dinger, als wären sie aus Teig und verteilte dann Prügel. Mir wurde schlecht vor Angst. Wieso belog er mich? Ich hatte ihm doch gesagt, was für mich auf dem Spiel stand? Aber er baute sich vor meinem Vater auf und drohte: „Niemand rührt Dalila an. Verstanden?“

Es wurde immer absurder. Die fünf Oberkommandanten unserer Armeen besuchten meinen Vater und boten ihm jeder eine Million für Samsons Geheimnis. Ich wollte nicht mehr darüber reden, ich wusste ja doch, wie das ausgehen würde, aber ich wurde nicht gefragt. Samson war genervt, als ich wieder damit anfing, aber er ertrug meine Tränen nicht und sagte irgendwann: „Wenn ihr meine Dreads fest zusammenflechtet und einen Zaunpfahl hineinschlagt, wird dein Vater ein reicher Mann, ohne was dafür tun zu müssen.“
Und was soll ich sagen, es lief so gut oder schlecht wie zuvor. Alle kassierten Prügel, die Million blieb, wo sie war, und ich wachte einen Tag später grün und blau geschlagen in dem Bordell auf, das irgendwie zur Familie gehörte. Irgendwann fand Samson mich dort; überall hatte er nach mir gesucht. Er konnte nicht glauben, was passiert war und versprach mir, mich da rauszuholen. Auf dem Weg in mein Zimmer hielt mich eine Kollegin auf, „Post für dich. Eilt.“ Ich riss den Umschlag auf. „Wenn du heute nicht spurst, kannst du anschaffen, bis ich fünf Millionen an dir verdient habe. Das Mikro ist an.“ Wie betäubt ging ich weiter. Abbas, der Düstere, hatte seine Interessen nicht aus dem Blick verloren. Ich war ihm ausgeliefert.

Ich versuchte Samson zu erklären, was mich erwartete, aber er machte mir Mut, dass er mich ja retten würde. Weinend redete ich auf ihn ein. Irgendwie erreichte ich sein Herz; er tröstete mich, sagte mir sein Geheimnis und wir liebten uns, bis wir einschliefen.

Ich habe ihn nicht verraten. Ich hatte keine andere Wahl.

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Ich mag den Gedanken „was wäre, wenn“.
Was wäre, wenn Dalila (in der Bibel, Richter 16,4-20, heißt sie Delila) ein nettes Mädchen war, das bloß gewalttätige Brüder und einen unberechenbaren Vater hatte, und in der Männergesellschaft des vorderen Orient nichts zu sagen hatte?
Auf die Idee brachte mich ein Gespräch, in dem es um Vornamen der Bibel ging und warum manche bei werdenden Eltern überhaupt nicht populär sind. Goliath zum Beispiel.

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der Monat, der sechs Wochen dauerte

Das klingt fast wie eine dieser Geschichten, die seit einiger Zeit zuhauf auf dem Buchmarkt zu finden sind. Wie zum Beispiel: Die Analphabetin, die auf den Baum stieg und verschwand (eine hastige Zusammenfassung).
Es ist aber keine Geschichte, eher ein Schuldeingeständnis.

Beim Schreiben eines längeren belletristischen Textes ist das Anlegen eines Kalenders fast unerlässlich. Seit dem ungefähr dritten oder vierten Schreibprojekt beherzige ich das, meist sogar zu einem recht frühen Zeitpunkt. Man verliert sonst einfach zu schnell den Überblick, vor allem, wenn in der Geschichte mehr als drei oder vier Personen mitmischen.
Tzja, und dieser Monat mit den sechs Wochen?
Der ist mir trotz aller Vorsichtsmaßnahmen passiert.
Nun muss ich zusehen, dass ich da wieder Ordnung hineinbekomme, möglichst ohne allzu viel Text zu opfern.
Es hat Ähnlichkeiten mit dem Bau eines Dudelsacks, wo man ja auch eine Ziege nimmt, die Ziege aus ihr herausholt, etc. etc. So nehme ich meinen Monat, schüttele alle Ereignisse aus den Wochen in eine Kiste und sehe zu, dass ich sie sinnvoll unterbringe.
In solchen Momenten frag ich mich oft, ob ich sie eigentlich noch alle hab.

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Gemüsesaft

„Bist du heute Abend noch für ein Experiment zu haben?“
Er gähnt. „Kommt drauf an, womit sich das Experiment befasst.“
„Guck es dir an.“ Ich gehe voraus in die Küche und stelle meine Trinkgläser und Tassen, gefüllt mit Gemüsesaft, auf die Insel. Skeptisch beäugt er sie. „Das sieht furchtbar grün aus.“
„Und grün steht dir furchtbar gut, mein Schatz. Du hast gesagt, dass du Gemüse nicht magst, weil es so knackt und kracht beim Kauen. Dieses Gemüse hier wird ganz sicher nicht knacken und krachen. Probierst du es?“
„Muss ich das alles austrinken?“
„Nein. Nur an jedem kosten.“ Er nimmt das erste Glas und riecht vorsichtig daran. „Und du weißt, was drin ist und das kommt später ins Essen?“
„Wenn es dir schmeckt.“ Er ist süß, wie er sich so ausführlich nach den Bedingungen erkundigt, misstrauisch, aber trotzdem mutig genug, sich auf mein Experiment einzulassen. „Ich will euch nur mal miteinander bekannt machen.“
„Hallo Gemüse, ich bin der Lorenz“, stellt er sich vor und nippt am dunkelgrünen Saft. „Hm.“ Er nimmt einen etwas größeren Schluck. „Geht so.“
Ich stelle das Glas beiseite, er nimmt das nächste. Mit Riechproben und Schlückchen arbeitet er sich durch die Versuchsreihe. Ich sortiere die Säfte nach „geht so“ und „igitt“, und füge schließlich die Kategorie „lecker“ hinzu. „Da staunst du, was?“, neckt er mich. „Dein Wikinger mag Gemüse!“
„In der Tat, ich staune. Wer hätte das gedacht! Willst du die Namen von deinen neuen Freunden wissen?“ Er nickt. „Spinat, Kohlrabi und Mais. Probier noch das orange.“
„Bestimmt ist es Möhre, oder?“
„Natürlich“, lache ich.
„Lecker.“
„Und das hier.“
„Ha, das kenn ich, das ist Tomate. Allerdings … hm, die schmeckt ja ziemlich langweilig. Ich dachte, die wäre … leckerer.“ Er gibt mir das Glas zurück und ich teste ebenfalls. „Was hast du an dieser aromatischen Biotomate auszusetzen?“
„Aromatisch?! Na ja, vielleicht nehmen die für Tomatensoße ne andere Sorte.“
„Ach das meinst du. Nein, da sind Geschmacksverstärker drin, je billiger die Soße, desto mehr.“
„Aha. Tomatensoße, die gar nicht nach Tomate schmeckt. Verrückt.“ Ich gebe ihm das nächste Glas. „Komische Farbe … aber lecker. Was ist das?“
„Rote und gelbe Paprika. Und hier, nimm das auch noch.“
„Ist das Gemüse? Es riecht ganz … fruchtig.“ Er trinkt den Saft in einem Zug. „Lecker.“
„Das ist rote Bete. Übrigens macht es rosa Pipi, erschrick morgen nicht.“ Er lacht, „wahrscheinlich tanze ich die halbe Nacht durchs Haus, weil ich ne Überdosis Vitamine intus habe. Aber wie lange hast du gebraucht, bis du die Sachen alle flüssig hattest? Oder kann man das kaufen?“
„Es gibt Gemüsesaft zu kaufen, aber der enthält mindestens noch Salz, wenn nicht eine Mischung aus verschiedenen Gemüsesorten. Ich wollte nur den Eigengeschmack haben, also habe ich sie durch meine Saftpresse gejagt.“
„Und was hast du mit den trockenen Resten gemacht?“
„Die meisten hatte ich heute in meinem Mittagessen. Wenn du Gemüse lieber trinkst als isst, mache ich dir in Zukunft Smoothies.“
„Aber das ist doch wahnsinnig viel Arbeit?“
„Überhaupt nicht. Bei Smoothies bleibt ja nicht mal ein trockener Rest übrig.“
„Dann mach mir in Zukunft bitte Smoothies.“
„Sehr gerne.“ Mein Wikinger will tatsächlich Gemüse verzehren! Wie schön!
„Was meinst du – machen Vitamine gute Laune? Vorhin auf dem Sofa wollte ich gar nichts mehr nach dem Scheißtag. Vielleicht sollte ich die grünen Vitamine morgens trinken.“
Er ist zum Küssen. „Wenn du möchtest, mache ich dir zu jeder Tages- und Nachtzeit Gemüsedrinks, so viele du willst.“
„Heute brauche ich keine mehr. Komm, wir gehen schlafen.“

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Absatzgeklapper im Treppenhaus

Absatzgeklapper im Treppenhaus.
Schlüssel raus, Tür auf, Tür zu, Schlüsselbund fliegt in die Ecke des Telefonregals. Geklapper hört auf, weg mit den grausigen Schuhen, Freiheit für die Zehen!
Hallo Kätzchen! Gleich gibt’s Futter für euch.
Puh, endlich Feierabend. Dieser Sachgebietsleiter!!! So ein Arschloch.
Verbleibende Zeit bis zum Beginn des Spieleabends: Zwei Stunden.
Das ist noch zu tun: Küche wischen, Gästeklo putzen, Wohnung aufräumen, duschen, was vernünftiges essen. Kevin kommt später, er ist noch in der Firma.
Nach zwei Zeitrafferstunden ist das getan: Gästeklo geputzt, nur Wohnzimmer aufgeräumt, geduscht. Die Küche klebt nach wie vor, ihr Magen beherbergt ein Rudel Wölfe.
Wohnungstür geht auf und zu, Kevin. Hallo Schatz, wie war dein Tag, ja, geht so, und deiner?
Er will Details zum Tage erzählen, sie will sich noch schnell was zwischen die Kiemen schieben. Passt ihm nicht: Hör mir doch mal zu!
Tu ich doch, ich kann zugleich essen und zuhören.
Sie hat dreimal abgebissen, als es klingelt. Lucy und Silas stehen im Flur, bestens gelaunt, Spiele unterm Arm, Snacks in der Tüte.

Silas erklärt das erste der mitgebrachten Spiele.
Das hab ich nicht verstanden, sagt sie.
Ganz einfach. Er beginnt von vorne.
Kevin mault. Hör doch gefälligst zu. Nie hörst du zu.
Sie kontert: Stimmt gar nicht.
Die Spielregeln hat sie jetzt kapiert. Sie sperrt die gereizte Laune im Keller ein. Will den Abend nicht verderben.
Sie verbündet sich mit Lucy. Kevin verliert die erste Runde.
Die zweite auch.
Ihre Laune darf den Keller verlassen.
Wieder gewonnen.
Kevin vermutet, dass das kein Zufall ist: Ihr bescheißt mich.
Tun wir gar nicht.
Zick hier nicht so rum.
Ich zicke nicht rum.
Kriegst du etwa deine Tage?
Bitte?! Mehr fällt ihr nicht ein.
Ich hab dich gefragt, ob du deine Tage kriegst. Du bist dermaßen geladen!
Jetzt fällt ihr was ein: Stell dir vor, ich hatte das verstanden, aber ich frag dich auch nicht, ob du Samenstau hast, bloß weil du Stress hattest in der Firma und dein SGL ein beschissener Chauvi ist und du hier noch alles ordentlich machen musstest und nicht mal die Hälfte geschafft hast und dann auch noch stillsitzen und zuhören musst und dabei nicht mal was essen darfst!!
Lucy und Silas gucken sich erstaunt an, Silas zieht den Kopf ein: Sollen wir lieber … ähm, gehen?
Nein, knurrt sie.


erschienen in „Der Kranke Bote – das Jesus Freaks Magazin“, Ausgabe 1/2011

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