Prosa von Rosa

das lächelnde Krokodil

Eigene Texte – was meint, Abschnitte aus Büchern, die nie veröffentlicht wurden – sind nicht länger in der Grabbelkistenrubrik „Guckenhörenlesen“ untergebracht, sondern jetzt in PROSA VON ROSA. Vielleicht löse ich Guckenhörenlesen demnächst ganz auf und sortiere den Inhalt klüger um.


Silke grinst und redet von was anderem: „Das wird ja nicht dein letztes Projekt sein, deswegen habe ich dir ein eigenes Benutzerkonto eingerichtet. Setz dich her und guck zu.“ Sie erklärt, wie ich zur Anmeldung komme, wie ich die Fotos von der Kamera in den Computer kriege und wo ich was finde, dann nimmt sie zwei Ordner, ihren Laptop und eine Trinkflasche. „Ach ja, merk dir das: Zu keinem Zeitpunkt wirst du externe Datenträger mitbringen und in unser System einführen. Zweitens: Du speicherst dein Dokument im Ordner „laufende Projekte“ und es heißt wie das Projekt, Unterstrich, Datum mit Bindestrichen. Finde ich in dem Ordner eins deiner Dokumente mit falschem Namen, kostet das fünfzig Euro. Finde ich irgendwo auf dem Server ein Dokument von dir, kostet das ebenfalls fünfzig Euro. Und muss ich dich erst fragen, wie ein Dokument heißen könnte, das ich suche oder wo du es abgespeichert hast, rate, was das kostet?“
„Fünfzig Euro?“
„Nein, hundert. Was denkst du, was dich Privatkram auf unserem Server oder der USB-Stick von zuhause kostet?“
Ich addiere blitzschnell. „Eine Abmahnung?“ Sie lächelt wie ein Krokodil. „Ich sehe, wir verstehen uns.“ Damit verschwindet sie nach nebenan. Halblaut frage ich Nadine: „Sind fünfzig Tacken nicht ein bisschen übertrieben, bloß weil das Dokument ein x zu viel im Namen hat?“
„Wenn ihre Arbeitszeit bei der Suche drauf geht? Nö. Und du musst sie nicht zahlen, wenn du dich an die Regeln hältst.“
„Wie oft hat sie denn schon kassiert?“
„Betriebsgeheimnis. Und jetzt halt mich bitte nicht länger von meiner Arbeit ab.“
Zu Befehl! Als erstes lege ich mithilfe der Fotos und meiner Erinnerungen ein Protokoll an, damit ich keinen Punkt vergesse. Hoppla. Eine ganze Serie zeigt mich inmitten der Pferde. Stimmt, als ich den Eimer so plötzlich halten musste, hat Woldenhoff mir die Kamera abgenommen. „Willst du was sehen?“, frage ich Nadine, obwohl sie ja nicht gestört werden will. Sie ist aber schon aufgestanden und kommt um den Schreibtisch herum. „Ooooch, sind die toll“, schwärmt sie gleich los. „Wo hast du die Fotos gemacht?“
„Bist du irre? Ich knips doch keine Pferdefotos! Vor allem, wenn ich selbst auf dem Bild bin!“
„Das hat eine gewisse Logik“, gibt sie grinsend zu. „Wer hat sie dann gemacht?“
„Der Woldenhoff.“
„Hast du dich für das Foto absichtlich so hingestellt?“, fragt sie und deutet auf eins, auf dem ich mit dem Pferd mit dem dünnen Strich stehe. Es hat seine Nase in meiner Hand und guckt mich an. Ich gucke zurück. Der Hintergrund ist die dunkle Scheunenwand, Lichtstreifen fallen auf uns beide. „Ich wusste gar nicht, dass er fotografiert. Wie krieg ich das ins Handy?“
„Vorher sagst du mir, wie die Dame heißt.“
„Welche Dame? Frau Woldenhoff? Lydia.“
„Blödsinn! Die, mit der du neuerdings zusammen bist. Die dafür zuständig ist, dass mein Uhrwerk-Kollege Lorenz heute morgen zu spät zur Arbeit erschienen ist, man erinnere sich, sonst ist er immer sehr früh da, oft sogar vor mir, und setzt schon mal den Kaffee auf. Und die dir dermaßen den Kopf verdreht hat, dass du mit einem völlig verstrahlten Dauerlächeln durch die Gegend stolperst. Den Namen dieser Dame möchte ich wissen.“ Sie schmunzelt, „Du hast nicht gedacht, dass man es dir so deutlich ansieht?“
„Nee.“
„Also, wie heißt sie?“
„Carina.“

Ich musste letzte Woche so eine Vereinbarung über eigene USB-Sticks im fremden System unterschreiben, da fiel mir dieses Stück heiterer Prosa ein – und dass du es noch gar nicht kennst.

Prosa von Rosa

dicke Wolken wie auf Gemälden von Jan Vermeer

Das Wetter ist herrlich.
Ich atme die salzige Luft tief ein. Sie prickelt in meinen Lungen, ich fühle beinahe, wie die Blutkörperchen sie aufnehmen und in die kleinsten Zipfel meines Körpers transpor­tie­ren. Und je mehr von dieser salzhaltigen Frische durch mich pulst, desto besser geht es mir.
Das Lächeln, das mich in den letzten Tagen verlassen hatte, ist auf einmal wieder da. Es lockert meine angespannten Gesichtsmuskeln.
Eine kräftige Brise strafft das dunkelbraune Segel, kleine weiße Wölkchen stehen am blauen Himmel. Am östlichen Horizont sind dicke Wolken wie auf Gemälden von Jan Vermeer zu sehen, aber die stören mich nicht. Der Wind kommt stetig von West bis Südwest. Das ist genau mein Kurs, denn um das IJsselmeer verlassen zu können, muss ich nach Nordost segeln.
Und kaum, dass ich Zuyderkerks süße Silhouette hinter mir gelassen habe, geht mir auf, warum das Besser-Gehen genau jetzt angefangen hat. Das ist es doch, wovon alle Getrennten, Geschiedenen, Verlassenen immer reden: Sie brauchen Abstand! Warum bin ich bloß nicht eher auf diese Idee gekommen?
Der Abstand zwischen Helena und mir wird schnell größer.

Ein paar Seevögel machen sich den Fahrtwind der Kaap Hoorn zunutze, um ein Stück energiesparend übers IJsselmeer zu segeln. Sie fliegen mit nicht einmal drei Metern Abstand hinter mir her. Es sind sechs Heringsmöwen im braunweißen Jugendgefieder.
Sie sind perfekt auf ihre Umwelt eingerichtet. Die Körper stromlinienförmig, die Federn wasserabweisend und die Knochen so leicht, dass sie mühelos weite Strecken zurücklegen können – und dabei stabil genug, um auch harte Stürme und schwere See zu überstehen.
Und noch dazu sind sie nicht einfach so „irgendwie“ gestaltet, sondern jede Feder hat ihr eigenes Muster. Jede Möwe ist ein Unikat. Sie sehen hübsch aus mit ihren schwarzen Knopfaugen, sinniere ich, als sie auf ein geheimes Signal abdrehen und mit kraftvollem Flügelschlag im Sonnenschein verschwinden.