Lesestoff

Der Ausreißer

Ich bin Martin Zimmermann. Meine Frau heißt Lotte. Wir haben fünf Kinder, David, Emily, Henrike, Silas und den kleinen Johannes.
Es geht um unseren Ältesten, meinen Sohn David.

Ja, ich nenne ihn meinen Sohn, egal was die Leute sagen. Ich habe gespürt, wie er gegen die Bauchdecke seiner Mutter getreten hat, ich war bei der Geburt dabei, ich habe ihm beim Aufwachsen zugesehen und als er das erste Mal „Papa“ sagte, meinte er mich. Das macht mich zum Vater. Nicht der Zeugungsakt. Das kann jeder.

Mein Sohn ist ein lieber Junge. Er tut, was man ihm sagt, er ist hilfsbereit und freundlich zu Mensch und Tier. Motorisch hat er auch was drauf. Als er seinen ersten Tisch gebaut hat, haben sich die Leute vor der Werkstatt gedrängelt. Erst recht, als der Tisch dann fertig war. Wirklich ein schönes Stück.
Aber was er neulich gebracht hat … Unglaublich! An dem Tag bin ich ungefähr zehn Jahre gealtert.

Ich fange besser vorne an.

Wir hatten ihm versprochen, dass wir ihn mit zum Jahresfest in die Hauptstadt nehmen, wenn er zwölf ist. Wochen vorher hatte er schon nur noch ein Thema, er hat sich ausgemalt, wie es in der Hauptstadt sein würde, was er erleben würde und was er seinen Freunden von dort mitbringen könnte. In der Nacht vor dem Reisetag tat er kein Auge zu und frühstücken konnte er morgens auch nicht mehr. Seine Mutter packte ihm eine Wegzehrung ein, verabschiedete sich von den Kleinen, die wir bei den Verwandten ließen, die in diesem Jahr nicht mitkommen würden, und dann gingen wir los.

Die Reise verlief ereignislos – also, gemessen daran, dass wir einen aufgeweckten Zwölfjährigen dabei hatten. Ich liebe das ausgesprochen, wenn er staunend seine Welt entdeckt. Und ich bin sicher, er versteht alles. Mein Junge ist ziemlich intelligent, ich weiß, er wird es mal weit bringen.

In der Hauptstadt fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf. Noch nie zuvor hatte er eine solche Vielfalt an Gebäuden gesehen. Und er hatte auch nicht gewusst, dass es so viele Menschen gibt.
Er sah sie an, jeden einzeln (zumindest kam es Lotte und mir so vor, weil wir wegen Davids Staunerei und dem Gedränge Stunden brauchten, um an unserer Herberge anzukommen) und lächelte.
„Wieso freust du dich so über die Leute?“, fragte Lotte.
„Weil ich sie alle lieb habe“, antwortete er.
„Aber du kennst sie doch nicht?“, wunderte sie sich.
„Eben drum, deswegen habe ich sie lieb. Wenn man jemanden kennen lernt, kann man immer noch beschließen, dass man ihn nicht mag.“
Das ist es, was meinen Sohn außergewöhnlich macht. Manchmal spricht er wie ein Alter.

Wir feierten das siebentägige Jahresfest, wie es in den Gesetzen vorgeschrieben ist. David sog das alles in sich auf, er war so beschäftigt, dass er kaum Zeit zum Essen hatte.
Ja, und dann machten wir uns auf den Heimweg.
Wir hatten ein paar Leute aus unserer Stadt gefunden und gingen mit ihnen. Die Straßen sind unsicher, seit die fremden Besatzer im Land sind. Da geht man besser in größeren Gruppen.
Größere Gruppe heißt mehr Gesprächspartner. Ich unterhielt mich mit einem befreundeten Händler. Er will expandieren und braucht eine Ladeneinrichtung. Wir sprachen über Material, Längenmaße und so weiter. David war bei Lotte. Dachte ich.
Lotte unterhielt sich derweil mit einer Freundin und ging natürlich davon aus, David sei bei mir.

Als wir abends das Lager aufschlugen, erlebten wir den Schreck unseres Lebens. „Wo hast du David gelassen?“, fragte Lotte mich, als ich zu ihr ans Feuer kam.
„Wieso, ich dachte, er ist bei dir?“
„Nein, ist er nicht… oh Gott!“ Sie sprang auf und rannte zu ihrer Freundin.
Nach kurzer Zeit suchten alle. Keiner hatte ihn gesehen. Keiner wusste, wo er war. Keiner wusste, wann er zuletzt gesehen worden war. Und wo.
In Lottes Fantasie gingen sofort die Horrorszenarien los, das konnte ich ihr ansehen. Aber ich meine, mal ehrlich, wer hätte das nicht? Ob er entführt worden war? Er ist zwar ein heller Kopf, aber so lieb … Und na klar haben wir ihm eingetrichtert, dass er nie, nie, nie mit Fremden mitgehen darf. Die Zeiten sind eben reichlich gefährlich.
Und jetzt war er weg!!

Mittlerweile war es total dunkel geworden. Eine Suche war unter diesen Bedingungen einigermaßen uneffektiv.
„Martin“, sagte sie mühsam beherrscht. „Ich kann mich jetzt nicht schlafen legen und erst morgen mit der Suche anfangen.“
„Aber Lotte“, fing ich an, kam jedoch nicht weit. Sie guckte, als würde sie auf der Stelle in Tränen ausbrechen. Ich kann es nicht ertragen, wenn meine liebste Lotte in Tränen ausbricht. Das geht mir jedes Mal ganz nah ans Herz. Nicht gut. „Lotte“, versuchte ich es neu. „Willst du, dass wir zurück gehen, um David zu suchen?“ Sie nickte. „Das ist gefährlich, das weißt du?“ Sie nickte wieder. „Aber du willst.“
„Ich muss.“
„Gut, dann gehen wir.“ Ich zog wieder den Mantel und die schweren Wanderschuhe an. Lotte war schon fertig.

Bevor wir das Lager verließen, bat ich den Händler, falls David doch wiederkommen sollte, ihn mit nach Hause zu nehmen, die Verwandten zu informieren und eine Nachricht an die Herberge zu schicken, in der wir in der Hauptstadt gewohnt hatten. Mein Gott, es kam mir vor, als sei es Jahre her, dass wir dort aufgebrochen waren.

Diese Nacht wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Der abnehmende Mond beleuchtete das stille Land und es war sternenklar, sodass wir sehen konnten, wo wir die Füße hinstellten.
Im Morgengrauen kamen wir völlig erschöpft wieder in der Hauptstadt an. Der Wirt in der Herberge erinnerte sich an uns. Weil das Fest vorbei war, war sein Haus leer, und weil er Mitleid hatte, ließ er uns das Zimmer zum halben Preis.
Ich zwang Lotte, sich hinzulegen und ein paar Stunden zu schlafen. Die Zeit verbrachte ich damit, die Plätze aufzusuchen, an denen wir uns aufgehalten hatten. Natürlich erfolglos.

Na warte, Junge, nahm ich mir vor. Du schickst deinen alten Vater nicht noch einmal durchs Land. Wenn ich dich in die Finger kriege!

In der Herberge saß Lotte auf dem Bett und sah mich hoffnungsvoll an. Ich schüttelte den Kopf. „Keiner hat ihn gesehen, keiner erinnert sich, keiner kann helfen.“ Jetzt war ihre Beherrschung vorbei und sie weinte hemmungslos. Ich setzte mich neben sie und nahm sie in den Arm.
Nach einer ganzen Weile schluchzte sie: „Und du bist wirklich überall gewesen?“ Ich gab ihr ein Taschentuch und sie schnäuzte sich. „Ja. Ich hab jeden Winkel nach diesem Knilch abgesucht. Ich weiß nicht, was wir noch machen sollen.“
„Hast du auch bei der Polizei gefragt?“ Ich nickte. „Und in den Krankenhäusern?“ Ich nickte wieder und befürchtete, dass sie erneut zu weinen beginnen würde. Doch das tat sie nicht. Auch nach den dreizehn Jahren, die wir uns kennen, überrascht sie mich immer wieder. Ich liebe sie. Ich kann mir das Leben ohne sie nicht vorstellen.
Sie richtete sich auf, atmete tief durch und sagte: „Martin. Wir müssen in den Tempel gehen. Du weißt doch, da war er so gerne. Und hat immer zugehört, was die Schriftgelehrten gesagt haben. Denen ist er aufgefallen. Sie haben sich gefreut, dass er so aufmerksam zugehört hat.“
„Lotte. Da waren Hunderte von Menschen, jeden Tag. Glaubst du, sie erinnern sich jetzt noch an ihn?“
„Ja. Und wenn nicht, ist dort vielleicht ein weiser Mann, der Gott befragen kann. Komm mit.“

Schneller als gelaufen waren wir im Tempel angekommen, zumindest erschien es mir so, weil Lotte auf einmal so energisch war. Im Tempel saßen die Schriftgelehrten beieinander und mitten in der Runde – David. Es sah aus, als erklärte er ihnen etwas.
Lotte schrie auf und rannte zu ihm hin. Sie drängte sich durch die ehrwürdigen Männer und schloss ihn in die Arme. „Junge, wie kannst du uns das antun?“, fragte sie, „Wir haben dich überall gesucht! Und wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht!“
Hätten nicht die ganzen Schriftgelehrten drum herum gestanden, ich hätte ihm eine geknallt.
„Aber Mama“, sagte er. „Weißt du denn nicht, dass ich da sein muss, wo mein Vater ist?“
Das fühlte sich an, als bekäme ich eine geknallt. Mir blieb die Luft weg. Ich wollte sagen: „Ich dachte, dein Vater wäre ich“, aber ich brachte es nicht heraus. Wer hatte dem Jungen gesagt, dass ich nicht sein Vater war? Lotte und ich hatten vereinbart, dass wir damit warten würden, bis er größer war! Jetzt fasste er meine Hand. „Papa“, sagte er leise und schaute mir ins Gesicht. „Ich hab dich lieb.“

Entstanden in Zusammenarbeit von Lukas Evangelium und Jorike Pelagina
Erschienen in Heft 1/2010 im Jesus-Freaks-Magazin