Lesestoff

Gemeinheitsecken

Lorenz rennt durch den Regen herüber und fährt sich ein paarmal mit der Hand über den Kopf, um die Nässe loszuwerden. „Lass das!“, schimpfe ich, „Ich mag das nicht, wenn du die Haare so unordentlich hast!“
„Wieso regst du dich so auf? So seh ich doch immer aus?“
„Ja, leider! Du bist ein attraktiver Mann und dein zugegeben schöner Bart ist dir das wichtigste, der wird gepflegt mit fast allen Mitteln, die der Markt hergibt. Aber was soll diese Esel-unterm-Bauch-Frisur? Wie sieht denn das aus?“
„Vielleicht warte ich drauf, dass da mal einer für Ordnung sorgt?“, gibt er grinsend zurück.
Wenn das so ist! Ich fasse seinen Kopf, „Halt still“, und kämme mangels Kamm oder Bürste mit den Fingern. Lorenz macht sich los. „Carina, ich hasse es, wenn du mir die Haare so nach hinten machst. Da hab ich ja fast ne Stirn bis zum Hinterkopf!“
„Du übertreibst maßlos.“
„Tu ich nicht. Mit dieser peinlichen Frisur sieht es auch der letzte, dass ich früher oder später ne Glatze kriege.“ Er lässt mich stehen und verschwindet im Haus.
Ich finde den Strubbel im Badezimmer, wo er gerade seine Arbeitskleidung auszieht, um sie in die Waschmaschine zu stopfen. „Vielleicht solltest du doch mal zu dem Frisör gehen, den ich dir vor Monaten empfohlen habe, und ihn fragen, was man in dem Fall tun kann. Frisöre sind Fachleute für diese Stellen auf dem Kopf, die man nicht so gerne sieht.“ Er brummt. „Außerdem kriegst du so bald keine Glatze. Das hier sind zwei hübsche kleine Geheimratsecken.“
„Was hab ich? Gemeinheitsecken?!“
„Geheimratsecken“, betone ich, obwohl ich sicher bin, dass er mich verstanden hat und nur ablenken wollte. „Wenn du dir Mareks Haaransatz anschaust, wirst du, noch nicht so ausgeprägt, dasselbe sehen.“
„Aha.“
„Willst du erst duschen oder erst essen?“
„Nix von beidem. Ich muss noch mal weg“, sagt er, steigt zurück in die staubigen Klamotten und schiebt sich an mir vorbei durch den Türrahmen.
„Wo willst du hin?“, wundere ich mich. Mein Schatz kommt von der Arbeit und will nichts essen?! Muss ich mir Sorgen machen? Er gibt mir einen flüchtigen Kuss und brummt etwas, das wie „zum Frisör“ klingt. Je länger ich aber darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass er was anderes gesagt hat. Warum sollte er nur wegen unseres kleinen Streits um seine Haare zum Frisör gehen? So einsichtig ist er ja sonst auch nicht.

Lesestoff

Ich habe ihn nicht verraten.

Bei euch Christen und den Juden habe ich einen schlechten Ruf, ihr nennt mich eine geldgeile Verräterin. Aber ich habe nicht aus Berechnung gehandelt.

Ich hatte diesen stattlichen Kerl kennen gelernt und es war Liebe auf den ersten Blick. Bei uns beiden. Das Problem daran: unsere Völker waren seit Jahrhunderten verfeindet. Mal waren seine Leute mächtiger und machten unser Land platt, gerade war es andersrum. Leider teilten sich beide Völker denselben kleinen Streifen Land, sodass es immer wieder zu Konflikten kam, und das ist bis heute so geblieben.
Samson ging ein hohes Risiko ein, um mich zu sehen. Aber er hatte keine Angst, denn er war sehr stark und außerdem ein Auserwählter vom Hauptgott seines Volkes. Überhaupt war er krass drauf; er aß nur halal (aber nach den Vorschriften seines Volkes), trank keinen Alkohol und trug lange Dreads, die er angeblich noch nie geschnitten hatte.

Natürlich sprach es sich rum, wer mein Liebster war. Eines Tages kamen ein paar meiner Brüder zu mir und putzen mich lautstark runter: „Du strohdumme Tussi! Dein Stecher ist Staatsfeind Nr. 1 und du glaubst an die große Liebe! Du wirst für uns rauskriegen, warum er so stark ist!“
Was bleibt einem Mädchen übrig? Bei Samsons nächstem Besuch fragte ich danach. Erst wollte er wissen, warum mich das interessierte, aber schließlich rückte er raus: „Wenn du mich mit sieben neuen Nylonseilen fesselst, werd ich nur noch so stark sein wie ein normaler Mann.“
Als er eingeschlafen war, besorgten sie die Seile, fesselten ihn und einer rief zum Test: „Ey, Samson, alte Schlampe! Die Philister greifen an!“ Schneller als einer gucken konnte, zerriss er die Seile und verpasste den Brüdern eine Tracht Prügel, die sie so bald nicht vergessen würden.

Leider wusste danach die ganze Familie, wen ich liebte. Unser Vater Abbas (das bedeutet „der Düstere“, was haargenau passte, er war ein grimmiger Patriarch) ließ mich holen und riet mir, sehr schnell das wahre Geheimnis seiner Kraft rauszukriegen, „sonst schicke ich dich auf den Strich, du Tochter einer Hure!“ Ich hätte meine Mutter gerne verteidigt, aber ich traute mich nicht.
Samsons nächste Antwort war, dass man ihn mit stählernen Handschellen und Ketten fixieren solle, dann werde er schwach. Alles übrige wiederholte sich, er zerriss die Dinger, als wären sie aus Teig und verteilte dann Prügel. Mir wurde schlecht vor Angst. Wieso belog er mich? Ich hatte ihm doch gesagt, was für mich auf dem Spiel stand? Aber er baute sich vor meinem Vater auf und drohte: „Niemand rührt Dalila an. Verstanden?“

Es wurde immer absurder. Die fünf Oberkommandanten unserer Armeen besuchten meinen Vater und boten ihm jeder eine Million für Samsons Geheimnis. Ich wollte nicht mehr darüber reden, ich wusste ja doch, wie das ausgehen würde, aber ich wurde nicht gefragt. Samson war genervt, als ich wieder damit anfing, aber er ertrug meine Tränen nicht und sagte irgendwann: „Wenn ihr meine Dreads fest zusammenflechtet und einen Zaunpfahl hineinschlagt, wird dein Vater ein reicher Mann, ohne was dafür tun zu müssen.“
Und was soll ich sagen, es lief so gut oder schlecht wie zuvor. Alle kassierten Prügel, die Million blieb, wo sie war, und ich wachte einen Tag später grün und blau geschlagen in dem Bordell auf, das irgendwie zur Familie gehörte. Irgendwann fand Samson mich dort; überall hatte er nach mir gesucht. Er konnte nicht glauben, was passiert war und versprach mir, mich da rauszuholen. Auf dem Weg in mein Zimmer hielt mich eine Kollegin auf, „Post für dich. Eilt.“ Ich riss den Umschlag auf. „Wenn du heute nicht spurst, kannst du anschaffen, bis ich fünf Millionen an dir verdient habe. Das Mikro ist an.“ Wie betäubt ging ich weiter. Abbas, der Düstere, hatte seine Interessen nicht aus dem Blick verloren. Ich war ihm ausgeliefert.

Ich versuchte Samson zu erklären, was mich erwartete, aber er machte mir Mut, dass er mich ja retten würde. Weinend redete ich auf ihn ein. Irgendwie erreichte ich sein Herz; er tröstete mich, sagte mir sein Geheimnis und wir liebten uns, bis wir einschliefen.

Ich habe ihn nicht verraten. Ich hatte keine andere Wahl.

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Ich mag den Gedanken „was wäre, wenn“.
Was wäre, wenn Dalila (in der Bibel, Richter 16,4-20, heißt sie Delila) ein nettes Mädchen war, das bloß gewalttätige Brüder und einen unberechenbaren Vater hatte, und in der Männergesellschaft des vorderen Orient nichts zu sagen hatte?
Auf die Idee brachte mich ein Gespräch, in dem es um Vornamen der Bibel ging und warum manche bei werdenden Eltern überhaupt nicht populär sind. Goliath zum Beispiel.

Musik & Film

Ein Schwein namens Bronski

Wie sich mittlerweile rumgesprochen haben dürfte, habe ich eine Schwäche für:

  • schräge bis groteske Filme mit hintersinnigem Humor
  • Kurzfilme
  • stille und weite Landschaften
  • Schauspieler, die sonderliche Dinge mit ihrem Gesicht anstellen können und solche, die vor keiner Verwandlung zurückschrecken

In dem glücklichen Fall, dass alles auf einmal zusammentrifft, bin ich kaum zu halten. Und wenn einer der Teilnehmer dann auch noch Hinnerk Schönemann ist, kann die Nacht lang werden und es bleibt nicht beim einmaligen Angucken.
Du kannst dir sicher vorstellen, was „Nord bei Nordwest“ (inzwischen acht Filme in der ard) mit mir macht, wo stille und weite Landschaften die Kulisse bieten für allerhand schräge Ideen von Drehbuch und Regie, die dann u.a. von Marleen Lohse und dem ausgesprochen gesichtsagilen* Hinnerk Schönemann umgesetzt werden. Ein Fest!
Das Vorgartenkino zeigt allerdings heute keinen schwerelosen Schwanitzer Schwank, sondern Klytæmnestra Pocket, in dem du die kryptische Überschrift irgendwann wiederfinden wirst. Schau nur genau hin.

Schräglich schön.

Apropos Drehbuch und Regie.
Es gibt solche kongenialen Teams, bei denen alles passt. Die Herren Graf und Basedow zum Beispiel. Die sich gerne immer dieselben Schauspieler aussuchen, zB Zehrfeld und Tscharre, weil sie mit ihnen schon so manchen Kilometer Filmrolle auf- und abgewickelt haben und jeder vom anderen weiß, wie er/sie denkt und Text (oder dessen Fehlen) in Bewegung umsetzt.
Oder halt Holger Karsten Schmidt und Markus Imboden, bei denen ich mich manchmal wundere: wie, sie haben einen Film gemacht und Hinnerk Schönemann war nicht dabei?
Im vorliegenden Werk ist es andersrum. Geht natürlich auch. Ist dann aber ohne Insiderspäße und all die schönen Schnittmengen der gemeinsamen Filme.


*= ich weiß nicht, ob es das Wort gibt. Es entstammt meiner Wortschmiede.

Lesestoff

der Monat, der sechs Wochen dauerte

Das klingt fast wie eine dieser Geschichten, die seit einiger Zeit zuhauf auf dem Buchmarkt zu finden sind. Wie zum Beispiel: Die Analphabetin, die auf den Baum stieg und verschwand (eine hastige Zusammenfassung).
Es ist aber keine Geschichte, eher ein Schuldeingeständnis.

Beim Schreiben eines längeren belletristischen Textes ist das Anlegen eines Kalenders fast unerlässlich. Seit dem ungefähr dritten oder vierten Schreibprojekt beherzige ich das, meist sogar zu einem recht frühen Zeitpunkt. Man verliert sonst einfach zu schnell den Überblick, vor allem, wenn in der Geschichte mehr als drei oder vier Personen mitmischen.
Tzja, und dieser Monat mit den sechs Wochen?
Der ist mir trotz aller Vorsichtsmaßnahmen passiert.
Nun muss ich zusehen, dass ich da wieder Ordnung hineinbekomme, möglichst ohne allzu viel Text zu opfern.
Es hat Ähnlichkeiten mit dem Bau eines Dudelsacks, wo man ja auch eine Ziege nimmt, die Ziege aus ihr herausholt, etc. etc. So nehme ich meinen Monat, schüttele alle Ereignisse aus den Wochen in eine Kiste und sehe zu, dass ich sie sinnvoll unterbringe.
In solchen Momenten frag ich mich oft, ob ich sie eigentlich noch alle hab.

kurioses

wenn ich …

wenn ich ein Restaurant gründen würden wöllte, würde es da Burger geben, alles bio und fair und so, mit Vollkornbrötchen und rechts drehendem Joghurt und fair gehandeltem Tee, Kaffee, Kakao. Und nennen würde ich das Restaurant

Burgerbegehren

oder „Burgerinitiative“, da bin ich noch nicht sicher. Aber das hat ja auch noch etwas Zeit, da ich im Moment gerade kein Restaurant gründen möchte.

Lesestoff

Gemüsesaft

„Bist du heute Abend noch für ein Experiment zu haben?“
Er gähnt. „Kommt drauf an, womit sich das Experiment befasst.“
„Guck es dir an.“ Ich gehe voraus in die Küche und stelle meine Trinkgläser und Tassen, gefüllt mit Gemüsesaft, auf die Insel. Skeptisch beäugt er sie. „Das sieht furchtbar grün aus.“
„Und grün steht dir furchtbar gut, mein Schatz. Du hast gesagt, dass du Gemüse nicht magst, weil es so knackt und kracht beim Kauen. Dieses Gemüse hier wird ganz sicher nicht knacken und krachen. Probierst du es?“
„Muss ich das alles austrinken?“
„Nein. Nur an jedem kosten.“ Er nimmt das erste Glas und riecht vorsichtig daran. „Und du weißt, was drin ist und das kommt später ins Essen?“
„Wenn es dir schmeckt.“ Er ist süß, wie er sich so ausführlich nach den Bedingungen erkundigt, misstrauisch, aber trotzdem mutig genug, sich auf mein Experiment einzulassen. „Ich will euch nur mal miteinander bekannt machen.“
„Hallo Gemüse, ich bin der Lorenz“, stellt er sich vor und nippt am dunkelgrünen Saft. „Hm.“ Er nimmt einen etwas größeren Schluck. „Geht so.“
Ich stelle das Glas beiseite, er nimmt das nächste. Mit Riechproben und Schlückchen arbeitet er sich durch die Versuchsreihe. Ich sortiere die Säfte nach „geht so“ und „igitt“, und füge schließlich die Kategorie „lecker“ hinzu. „Da staunst du, was?“, neckt er mich. „Dein Wikinger mag Gemüse!“
„In der Tat, ich staune. Wer hätte das gedacht! Willst du die Namen von deinen neuen Freunden wissen?“ Er nickt. „Spinat, Kohlrabi und Mais. Probier noch das orange.“
„Bestimmt ist es Möhre, oder?“
„Natürlich“, lache ich.
„Lecker.“
„Und das hier.“
„Ha, das kenn ich, das ist Tomate. Allerdings … hm, die schmeckt ja ziemlich langweilig. Ich dachte, die wäre … leckerer.“ Er gibt mir das Glas zurück und ich teste ebenfalls. „Was hast du an dieser aromatischen Biotomate auszusetzen?“
„Aromatisch?! Na ja, vielleicht nehmen die für Tomatensoße ne andere Sorte.“
„Ach das meinst du. Nein, da sind Geschmacksverstärker drin, je billiger die Soße, desto mehr.“
„Aha. Tomatensoße, die gar nicht nach Tomate schmeckt. Verrückt.“ Ich gebe ihm das nächste Glas. „Komische Farbe … aber lecker. Was ist das?“
„Rote und gelbe Paprika. Und hier, nimm das auch noch.“
„Ist das Gemüse? Es riecht ganz … fruchtig.“ Er trinkt den Saft in einem Zug. „Lecker.“
„Das ist rote Bete. Übrigens macht es rosa Pipi, erschrick morgen nicht.“ Er lacht, „wahrscheinlich tanze ich die halbe Nacht durchs Haus, weil ich ne Überdosis Vitamine intus habe. Aber wie lange hast du gebraucht, bis du die Sachen alle flüssig hattest? Oder kann man das kaufen?“
„Es gibt Gemüsesaft zu kaufen, aber der enthält mindestens noch Salz, wenn nicht eine Mischung aus verschiedenen Gemüsesorten. Ich wollte nur den Eigengeschmack haben, also habe ich sie durch meine Saftpresse gejagt.“
„Und was hast du mit den trockenen Resten gemacht?“
„Die meisten hatte ich heute in meinem Mittagessen. Wenn du Gemüse lieber trinkst als isst, mache ich dir in Zukunft Smoothies.“
„Aber das ist doch wahnsinnig viel Arbeit?“
„Überhaupt nicht. Bei Smoothies bleibt ja nicht mal ein trockener Rest übrig.“
„Dann mach mir in Zukunft bitte Smoothies.“
„Sehr gerne.“ Mein Wikinger will tatsächlich Gemüse verzehren! Wie schön!
„Was meinst du – machen Vitamine gute Laune? Vorhin auf dem Sofa wollte ich gar nichts mehr nach dem Scheißtag. Vielleicht sollte ich die grünen Vitamine morgens trinken.“
Er ist zum Küssen. „Wenn du möchtest, mache ich dir zu jeder Tages- und Nachtzeit Gemüsedrinks, so viele du willst.“
„Heute brauche ich keine mehr. Komm, wir gehen schlafen.“