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Ich kapier es nicht.

Ich habe einen Fehler gemacht.
Nein, nicht einen. Ganz viele Fehler. Mit der Zeit haben sie sich angesammelt und leider erkenne ich erst jetzt, wo ich den jeweils anderen Weg hätte einschlagen sollen.

Ich hätte damals, als der Meister noch mit uns unterwegs war, besser zuhören sollen. Wobei – ein paar von uns haben besser zugehört und auch nichts gecheckt. Ich glaube, das hatte System. Der Meister hat oft genug gesagt, dass er erst verherrlicht werden müsse, bevor wir das alles verstehen könnten.
Als der Meister seine zwölf Schüler bestimmte, war ich dabei.
Als die ersten Wunder passierten, war ich mit dabei.
Als er uns zu je zwei losschickte, ohne Beutel und Geld und zweites Paar Schuhe, war ich auch mit dabei. Mein Weggenosse und ich erlebten Sachen, die kannst du dir nicht vorstellen. Heilungen, Totenauferweckungen, Regen in der Wüste, ein nicht leer werdender Krug Olivenöl, essbare Steine, Fortbewegung schneller als der Wind und lauter so übernatürliches Zeug. Manche von uns machten sich Notizen oder erzählten es sich immer wieder, damit sie es später aufschreiben konnten.
Als der Meister die Fünftausend satt machte, war ich mit dabei. Und bei den Viertausend etwas später auch.
Ich saß mit im Boot, als wir im Sturm kurz vorm Ertrinken waren und der Meister an uns vorbei spazierte, als sei es ein fester Weg.
Und ich war auch dabei, als der Meister einem anderen Sturm befohlen hat, still zu sein.
Wir alle haben Geschichte geschrieben, er natürlich ganz besonders. Solche Ereignisse dürfen nie vergessen werden.
Leider wird mein Ereignis dann auch nie vergessen werden.
Ich werde in die Geschichte eingehen als Verräter.
Ich bin immer überall dabei gewesen, von Anfang an. Aber rückwirkend scheint es mir, als hätte ich Augen und Ohren verstopft gehabt. Ich habe nichts von alledem kapiert. Hätte ich etwas begriffen, hätte ich ja nicht getan, was ich getan habe.
Das habe ich getan:
Ich habe unseren Meister verraten. Unsere Ideale. Unseren Traum von der besseren Welt.
Was soll aus mir werden? Wie soll ich einen Weg aus dieser Katastrophe finden? Tot zu sein ist besser, glaube ich.

Jetzt ist er schon drei Tage tot.
Ein paar von uns packen ihren Kram zusammen, um nach Hause zu gehen und wieder normale Handwerker, Fischer oder Händler zu werden. So wie früher. Allerdings hat sich noch niemand auf den Weg gemacht. Es geht nicht. Wir sind wie Fliegen im Honig. Festgeklebt.

Aber es ist gut, dass sich manche Dinge auch in so erschütternden Zeiten nicht ändern. Die Donnersöhne zum Beispiel. Sie trauern, aber stillsitzen können sie auch jetzt nicht. Sie machen sich auf den Weg zum See und wir anderen kommen mit. Ein bisschen Ablenkung kann nicht schaden. Vielleicht komme ich auf andere Gedanken. Oder die anderen kommen auf andere Gedanken und nennen mich nicht mehr Verräter. Es reicht, dass ich mir das selber von früh bis spät vorhalte. Warum habe ich …? Wie konnte ich …?

Am frühen Morgen, die Sonne geht gerade auf, sammelt sich ein dürftiger Fang im Boot. Als hätten sich sogar die Fische von uns abgewandt. Am Ufer sehe ich schon, dass einer Feuer gemacht hat. Gut so, es ist arschkalt. Wer ist auf die Idee gekommen? Ich zähle die Jungs im Boot und im anderen auch – seltsam, alle sind hier. Wer hat denn dann das Feuer gemacht? Jetzt steht er auf und guckt aufs Wasser raus.
Mir geht es heiß und kalt durch. So hat immer nur einer gestanden und geguckt. Er. Der Meister. Ist etwa doch was dran an den Gerüchten, dass er … aber das geht ja nicht. Aber er hat doch auch Tote aufgeweckt, warum sollte er sich selber nicht …
Ich kapier es nicht. Aber wenn er es tatsächlich ist, muss ich dringend mit ihm reden, bevor die anderen dazu kommen. Ich springe aus dem Boot und schwimme aufs Ufer zu.
Es ist tatsächlich der Meister. Er lächelt mich an, zwar ein bisschen traurig, aber immerhin.
„Meister, ich wusste es nicht“, fange ich an zu stammeln, während es mir aus den Klamotten und aus den Haaren tropft. „Es tut mir leid. Ich hab doch gedacht, ich mach alles richtig. Und dann war alles falsch. Kannst du mir verzeihen?“
„Ja“, sagt er. „Ja, Judas, mein Freund. Gut, dass du dich nicht umgebracht hast.“

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dieser Text ist bereits 2/2013 im JesusFreaksMagazin erschienen, das damals noch als „Der Kranke Bote“ firmierte und ich habe ihn unter meinem Pseudonym Jorike Pelagina veröffentlicht.
dem Ganzen zugrunde lag das Was-wäre-wenn, eine meiner Lieblingsfragen, wenn es um aufschreibbare Gedankenspiele geht. Denk doch mal mit: was wäre geworden, wenn Judas sich nicht nach seinem Verrat aufgehängt hätte?

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