Lesestoff

Die Löwin im Büro

Am Mittwochmorgen ist das Büro ziemlich bevölkert. Georg und Silke sitzen Seite an Seite an ihrem Schreibtisch und brüten über irgendwelchen Sachen im Computer. Nadine arbeitet auch schon. „Da bist du ja endlich. Es ist ganz ungewohnt, vor dir anzukommen“, sagt sie.
„Ich hatte keine Lust, Kaffee zu machen.“
„Dazu wirst du ja sonst auch immer gezwungen“, lacht sie.
Ich nehme mir eine Tasse und fülle sie. Unangenehme Dinge erledigt man am besten sofort, also hole ich entschlossen Luft, doch nach einem einleitenden „Ähm“ entweicht sie ziemlich ungenutzt. Zweiter Anlauf. „Also, ich wollte mal fragen“ … keiner fühlt sich angesprochen. Mist. Wer dürfte denn zuständig sein? Im Zweifelsfalle der Chef. Als hätte er gemerkt, dass ich was von ihm will, schaut er auf, „Es gibt übrigens eine gute Nachricht für dich, Lorenz. Hubert hat sich die Grippe eingefangen.“
„Was daran soll die gute Nachricht sein?“
„Dass du dein Team noch weiter leiten kannst.“
„Aha. Und … ähm, wie lange ist er krank?“
„Wie soll man das vorher wissen? Er fühlte sich gestern schon mies, hat er gesagt, aber Doris besteht drauf, dass er seit Montag krank ist. Zum Betriebsausflug kommt er auf jeden Fall, den Urlaub will er irgendwann nachholen.“
Meinen neuen Urlaubsplanungen zufolge breche ich am Tag nach dem Betriebsausflug Richtung Polen auf. Was, wenn Hubert bis dahin nicht wieder auf dem Damm ist? Georg wird sich ja kaum noch einen dritten Teamleiter suchen wollen. Muss ich dann den Urlaub verschieben? Die komplette Planung steht und fällt mit dem Abschluss der Irrenhaus-Baustelle, ich muss sie vorher beenden. Aber Hubert ist seit Februar da zugange, wie soll ich das Elend bis zum Betriebsausflug in nur noch zweieinhalb Wochen abschließen? Das ist so realistisch wie „Lorenz, verdammte Scheiße!“, schreit Silke mich an, dass mir vor Schreck die Tasse aus der Hand fällt. Leider war noch was drin und der Henkel bricht auch ab. „Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?“
Sie faucht wie eine Löwin. „Erstens hast du nichts schon wieder falsch gemacht, und zweitens hör gefälligst auf zu denken! Wenn du denkst, verziehst du das Gesicht so komisch. Das macht Falten! Du bist viel zu jung für solche Falten, kapiert?“
Und dafür schreit sie mich so an? Meine Güte! Ich hole Papiertücher aus dem Damen-WC auf dieser Etage und wische die Pfütze auf, die Bruchstücke werfe ich in den Müll. Georg sagt: „Übrigens erwarte ich dich morgen zu Feierabend bei mir im Büro.“
„Warum?“ Außerdem: warum sieht er aus, als fände er das Ganze sehr unterhaltsam?
„Die Teamleiter und ich halten jede Woche eine kleine Lagebesprechung.“
„Aber ich muss doch Marek abholen.“
„Es dauert nicht lange.“
Ich starte meinen nächsten Versuch – und falle mit der Tür ins Haus: „Gehört zur privaten Nutzung des Firmenfahrzeugs eigentlich auch die Fahrt in den Urlaub?“
„Ja“, sagt Georg und zugleich Silke: „Wo geht’s denn hin?“
„Miastko. Das ist in Polen. Bei Danzig.“
„Jaha“, leiert Georg. Silke sagt: „Hm, mit nem Neuwagen nach Osteuropa … da müssen wir mal wegen der Versicherung gucken … wie weit ist das?“
„Rund tausend Kilometer.“
Georg haut auf den Tisch. „Hört mir mal einer zu? Ich bin der Chef, ich bestimme in diesem Laden! Und wenn Lorenz unbedingt mit der lahmen Gurke und nicht mit nem normalen Auto in Urlaub fahren will, dann soll er das tun! Egal wie weit es ist! Basta!“ Hinter Nadines Bildschirm erklingen erstickte Geräusche, ihre Schultern zucken, das Gesicht – soweit ich es sehen kann – ist knallrot. „Atmen, Frau Heckner!“, poltert er.
„Kann ich vielleicht auch noch ein paar“ „Schweig stille, mein Herz, schweig still“, unterbricht er mich tief seufzend. Hilfe! Wird er mich als nächstes mit „Schatzi“ ansprechen? Silkes Reaktion ist auch alles andere als vorhersehbar: sie küsst ihn auf die Wange. „Mein Kulturbanause zitiert Mörike. Da war also doch nicht alles umsonst.“
Georg grinst. „Merk dir das für dein zukünftiges Leben, Lorenz. Ein schönes Zitat zur richtigen Zeit, und die Frau liegt dir zu Füßen.“
„Wo hast denn du heute deine Füße?“, spottet sie gleich wieder, und zu mir: „Um deine Frage zu beantworten: Nimm mit, was du haben willst, schreib es auf und denk gelegentlich dran, dass es dein Urlaub ist. Urlaub, verstanden? Nichtstun, Zeit für Marek und so.“

kurioses

wenn ich …

wenn ich eines Tages eine Band gründen wollen würde, gäb es eine Bigband oder Ska (oder Balkanbeats – immerhin beginnt hier in Lennep die Balkantrasse) mit Blaskapelle und allem Zipp und Zapp. Mindestens ein Bandmitglied müsste aus Barmen kommen, idealerweise ein Trompeter, da ich das Instrument nicht selbst beherrsche. Die Band würde ich

Engelstrompete

nennen, wobei es kein Ausschlusskriterium wäre, wenn der Trompeter nicht Friedrich mit Vornamen heißen würde.
Unsere erste Tournee würde uns nach Bremen, vielleicht Stuttgart und Augsburg, sicher nach Berlin, Köln, Manchester (dort nach Chorlton-on-Medlock), London, Leeds, Paris und viele andere interessante Orte bringen.
Wir würden reich und berühmt und na-tür-lich unsere geografische und soziale Herkunft nie vergessen.

Auf all diese Dinge bin ich nur gekommen, weil ich über die Engelstrompete nachgedacht habe.
Direkt nachvollziehbar, oder? Ich mag Engel, Engelist bin ich nicht.

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Püree und Privilegien


„Was soll ich euch denn heute kochen?“
Er grinst. „Ich hatte mich nicht getraut, schon wieder vom Essen zu reden. Marek will bestimmt irgendein Gemüse … Möhrchen und Erbschen oder so … und Kartoffelpüree. Grazyna hat den übrigens immer mit Schlagsahne gemacht. Tust du das auch?“
„Wen hat sie mit Schlagsahne gemacht?“
„Den Püree.“
Das Püree“, korrigiere ich lächelnd. „Und ich mache es nicht mit Schlagsahne, schließlich will ich es auch essen.“ Zur Erklärung klopfe ich auf meinen Bauch.
„Ich hätte schwören können, dass es der Püree heißt. Tja. Ich hab keine Ahnung vom Kochen und Grazyna hat immer der-die-das durcheinander geschmissen, das hab ich jetzt davon. Schorsch sagt übrigens, dass man das Püree durchaus mit Sahne machen kann, ohne deswegen dick zu werden. Das liegt nämlich gar nicht am Fett, sondern an den Kohlehydraten.“
„Verschon mich bitte mit solchen Sportlerweisheiten.“
„Er kennt sich echt mit Ernährung und Abnehmen und dem Kram aus. Bevor Lennart geboren wurde, hat er noch fast doppelt so viel gewogen. Übrigens wäre es bis vor einem Jahr gut für ihn gewesen, einen Unternehmensberater zu haben. Er war nämlich selbstständig und ist pleite gegangen, mit zuerst richtig viel Idealismus und jetzt richtig vielen Schulden.“
„Warum sagst du mir das? Es ist doch zu spät für ihn?“
„Damit du den Plan nicht aus dem Auge verlierst. Ich denk, du könntest da wirklich gute Dinge tun. Und es würde dir auch Spaß machen. Du magst doch diese rauen Handwerksburschen.“
„Die mir dann alle auf den Hintern hauen?!“
„Im Gegensatz zur englischen Oberschicht* wissen die meisten Handwerker, was sich gehört.“
„Niemand aus der englischen Oberschicht hat mir je auf den Hintern gehauen, ganz im Gegensatz zu dir.“
„Ja, siehste, nur ich mach das, es hat also nichts mit Handwerkern im Allgemeinen zu tun. Ich darf es allerdings, weil ich im Gegenzug eine Menge Privilegien biete, die nur du kriegst.“
„Zähl ein paar dieser Privilegien auf, damit wir von derselben Sache reden“, bitte ich amüsiert.
„Du darfst mich jederzeit flach legen, auch wenn ich halbverhungert und todmüde von der Arbeit komme. Du tust es meist nicht, was mir entgegen kommt, aber wahrscheinlich handelst du mit Berechnung, weil du nichts davon hättest, wenn ich k.o. bin.“
„Wenn das ein Privileg ist, will ich die anderen auch noch wissen. Alle.“
„Ich halte mich aus deiner Küche fern. Ich mische mich nicht in deine Geldgeschäfte ein. Du brauchst nicht auf Handwerker zu warten, wenn hier was kaputt geht. Ich fahre dich wohin du willst. Ich belustige deine Familie. Und so weiter, und so fort.“
„Aber das sind doch keine Privilegien, sondern ganz normaler Pärchenkram?“
Er grinst. „Es klingt aber besser, wenn man von Privilegien spricht.“


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*= die Sache mit der englischen Oberschicht ist zuvor erörtert worden, leider warst du nicht dabei

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Gemeinheitsecken

Lorenz rennt durch den Regen herüber und fährt sich ein paarmal mit der Hand über den Kopf, um die Nässe loszuwerden. „Lass das!“, schimpfe ich, „Ich mag das nicht, wenn du die Haare so unordentlich hast!“
„Wieso regst du dich so auf? So seh ich doch immer aus?“
„Ja, leider! Du bist ein attraktiver Mann und dein zugegeben schöner Bart ist dir das wichtigste, der wird gepflegt mit fast allen Mitteln, die der Markt hergibt. Aber was soll diese Esel-unterm-Bauch-Frisur? Wie sieht denn das aus?“
„Vielleicht warte ich drauf, dass da mal einer für Ordnung sorgt?“, gibt er grinsend zurück.
Wenn das so ist! Ich fasse seinen Kopf, „Halt still“, und kämme mangels Kamm oder Bürste mit den Fingern. Lorenz macht sich los. „Carina, ich hasse es, wenn du mir die Haare so nach hinten machst. Da hab ich ja fast ne Stirn bis zum Hinterkopf!“
„Du übertreibst maßlos.“
„Tu ich nicht. Mit dieser peinlichen Frisur sieht es auch der letzte, dass ich früher oder später ne Glatze kriege.“ Er lässt mich stehen und verschwindet im Haus.
Ich finde den Strubbel im Badezimmer, wo er gerade seine Arbeitskleidung auszieht, um sie in die Waschmaschine zu stopfen. „Vielleicht solltest du doch mal zu dem Frisör gehen, den ich dir vor Monaten empfohlen habe, und ihn fragen, was man in dem Fall tun kann. Frisöre sind Fachleute für diese Stellen auf dem Kopf, die man nicht so gerne sieht.“ Er brummt. „Außerdem kriegst du so bald keine Glatze. Das hier sind zwei hübsche kleine Geheimratsecken.“
„Was hab ich? Gemeinheitsecken?!“
„Geheimratsecken“, betone ich, obwohl ich sicher bin, dass er mich verstanden hat und nur ablenken wollte. „Wenn du dir Mareks Haaransatz anschaust, wirst du, noch nicht so ausgeprägt, dasselbe sehen.“
„Aha.“
„Willst du erst duschen oder erst essen?“
„Nix von beidem. Ich muss noch mal weg“, sagt er, steigt zurück in die staubigen Klamotten und schiebt sich an mir vorbei durch den Türrahmen.
„Wo willst du hin?“, wundere ich mich. Mein Schatz kommt von der Arbeit und will nichts essen?! Muss ich mir Sorgen machen? Er gibt mir einen flüchtigen Kuss und brummt etwas, das wie „zum Frisör“ klingt. Je länger ich aber darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass er was anderes gesagt hat. Warum sollte er nur wegen unseres kleinen Streits um seine Haare zum Frisör gehen? So einsichtig ist er ja sonst auch nicht.