Heiße Liebe!

Der knallbunte Schirm des Högschden

„Ich nehme wahr, das ich immer wieder auf der Grenze zur Überbelastung balanciere und mich dabei ungelenk bemühe, mein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Viele meiner „Grenzerfahrungen“ nehme ich als Scheitern meinerseits wahr.“

Das lese ich in einem neu entdeckten Blog, (ich weiß noch nicht, ob ich bleibe, deswegen ohne Verknüpfung) und habe sofort das Bild eines Seiltänzers vor Augen, sozusagen in leuchtenden Farben direkt auf die Rauhfastertapete gemalt.
Eines Seiltänzers mit knallbuntem Schirm.
Und dieser Schirm heißt „Schirm des Högschden“ und die Muster sind die Farben meines Lebens.

Ich hab überhaupt kein Talent zum Seiltanz, da mein Gleichgewichtssinn eigentlich nur für festen Boden gemacht ist. Beim Rollschuh- und Schlittschuhfahren in der Kindheit brauchte ich immer „ewig“, bis ich mich an das unsichere Gefühl gewöhnt hatte – und das Gefühl tobte dann den Rest des Tages durch mein Innenohr, auch wenn die Füße längst wieder auf festem Grund standen.

Ich kenne niemanden, dem es auch so geht, aber du bist herzlich eingeladen, mir diesen Einzigartigkeitsstatus zu nehmen und dich zu outen, falls dein Gleichgewicht ebenso ungleich gewichtet ist.

Wegen dieser „Eierei“ bin ich nie alleine auf die wackeligen Untergründe gegangen, quasi nur halbfreiwillig im Gruppendruck – es hat ja auch Spaß gemacht, nachdem ich mich ungefähr eine Stunde lang an den unsicheren Untergrund gewöhnt hatte. Aber eins gab es, das mich trotz allem faszinierte: Hochseilklettergarten. Entgegen aller Widerstände und berechtigter Einwände der Vernunft wollte ich das mal ausprobieren. Eines Tages. Aber nicht alleine. Und nicht mit solchen Leuten, die das super können, die mich dann auslachen und die Augen verdrehen, weil ich mich so schissig anstelle, weil es ein bisschen wackelt. Und mit Ausstiegsklausel, sozusagen, dass ich also jederzeit wieder runter kann vom Seil.

Aber wo gibt es schon Betreutes Hochseilklettergarten-klettern?

Ulli mit dem Bulli (der längst ein anderes Auto fährt) lud eines Tages in der Gemeindä ein, mit ihm für einen Sonntagnachmittag in den Hochseilklettergarten zu fahren. Nach dem Godi. Mit Picknick. Einige Leute sagten zu, zwei junge Teenager, ein paar alte Säcke ältere Herrschaften und welche in meinem Alter. Nicht mein Freundeskreis, aber alles bekannte Gesichter. Einige mit Vorerfahrung, andere Neulinge wie ich. Ein paar Freunde versuchte ich noch zu überreden mitzukommen, aber die hatten Höhenangst oder keine Lust. Ich jedoch wusste: das ist meine Schongs! Betreutes Hochseilklettergarten-klettern zusammen mit Jesus und netten Menschen!

Und dann stand ich da, im Klettergeschirr, mit Helm und meinen Gartenhandschuhen (das war einer der Tipps vorweg gewesen), auf dem Seil, an dem Holzbretter befestigt waren, und alles um mich her wackelte schrecklich und ich konnte nicht zurück, denn einmal im Parcours gab es nur eine Richtung, nämlich vorwärts!

Wie ist mir das Herz durch die Jacke geschleudert!!!

Nach dem ersten Parcours beschlossen die meisten der Gruppe, dass es unsinnig sei, wenn die Gruppe zusammen bliebe und alle hintereinander gingen. Da zischten dann einige direkt zu den hohen Kletterwegen ab. Andere setzten sich erst mal am Waldrand hin.
Aber ich war nun mal da und hatte Eintritt und Benutzung gezahlt, hinsetzen wäre Verschwendung!! Neben dem, dass ich mir so vortrefflich Druck machte, ermutigte Jesus mich auch, es noch einmal zu versuchen. Mutig voraus zum nächsten Parcours!

Mitten im zweiten, der schon etwas höher war, machte es plötzlich „Klick!“ in meinem Kopf. „Ich kann ja gar nicht runterfallen. Egal wie doll es wackelt. Ich bin oben am Seil fest.“
Eine reine Vernunftentscheidung. „Der Kletterpark ist TÜV-geprüft und es gibt hier Leute, die mehr wiegen als ich und nichts bricht zusammen.“
Außerdem: „Jesus ist ja gleich hier neben mir. Es kann nichts passieren.“

Und dann
kam
der
Spaß.
Ich wäre am liebsten gar nicht wieder von den Bäumen runtergekommen, aber nachdem ich versehentlich über einen schweren Parcours geklettert war, streikten die Muskeln vehement.

Natürlich tigerte mein Innenohr auch nachts noch auf irgendwelchen Seilen herum, ich träumte von immer höheren und waghalsigeren Kletterwegen, und am nächsten Tag hatte ich Muskelkater an Stellen, die ich bis dahin gar nicht gekannt hatte.
Aber ich habe eine ganz praktische Grenzerfahrung erlebt und sie mit Jesus durchgestanden – und mit Leidenschaft genossen.
Das vergesse ich nicht.