Lesestoff

Püree und Privilegien


„Was soll ich euch denn heute kochen?“
Er grinst. „Ich hatte mich nicht getraut, schon wieder vom Essen zu reden. Marek will bestimmt irgendein Gemüse … Möhrchen und Erbschen oder so … und Kartoffelpüree. Grazyna hat den übrigens immer mit Schlagsahne gemacht. Tust du das auch?“
„Wen hat sie mit Schlagsahne gemacht?“
„Den Püree.“
Das Püree“, korrigiere ich lächelnd. „Und ich mache es nicht mit Schlagsahne, schließlich will ich es auch essen.“ Zur Erklärung klopfe ich auf meinen Bauch.
„Ich hätte schwören können, dass es der Püree heißt. Tja. Ich hab keine Ahnung vom Kochen und Grazyna hat immer der-die-das durcheinander geschmissen, das hab ich jetzt davon. Schorsch sagt übrigens, dass man das Püree durchaus mit Sahne machen kann, ohne deswegen dick zu werden. Das liegt nämlich gar nicht am Fett, sondern an den Kohlehydraten.“
„Verschon mich bitte mit solchen Sportlerweisheiten.“
„Er kennt sich echt mit Ernährung und Abnehmen und dem Kram aus. Bevor Lennart geboren wurde, hat er noch fast doppelt so viel gewogen. Übrigens wäre es bis vor einem Jahr gut für ihn gewesen, einen Unternehmensberater zu haben. Er war nämlich selbstständig und ist pleite gegangen, mit zuerst richtig viel Idealismus und jetzt richtig vielen Schulden.“
„Warum sagst du mir das? Es ist doch zu spät für ihn?“
„Damit du den Plan nicht aus dem Auge verlierst. Ich denk, du könntest da wirklich gute Dinge tun. Und es würde dir auch Spaß machen. Du magst doch diese rauen Handwerksburschen.“
„Die mir dann alle auf den Hintern hauen?!“
„Im Gegensatz zur englischen Oberschicht* wissen die meisten Handwerker, was sich gehört.“
„Niemand aus der englischen Oberschicht hat mir je auf den Hintern gehauen, ganz im Gegensatz zu dir.“
„Ja, siehste, nur ich mach das, es hat also nichts mit Handwerkern im Allgemeinen zu tun. Ich darf es allerdings, weil ich im Gegenzug eine Menge Privilegien biete, die nur du kriegst.“
„Zähl ein paar dieser Privilegien auf, damit wir von derselben Sache reden“, bitte ich amüsiert.
„Du darfst mich jederzeit flach legen, auch wenn ich halbverhungert und todmüde von der Arbeit komme. Du tust es meist nicht, was mir entgegen kommt, aber wahrscheinlich handelst du mit Berechnung, weil du nichts davon hättest, wenn ich k.o. bin.“
„Wenn das ein Privileg ist, will ich die anderen auch noch wissen. Alle.“
„Ich halte mich aus deiner Küche fern. Ich mische mich nicht in deine Geldgeschäfte ein. Du brauchst nicht auf Handwerker zu warten, wenn hier was kaputt geht. Ich fahre dich wohin du willst. Ich belustige deine Familie. Und so weiter, und so fort.“
„Aber das sind doch keine Privilegien, sondern ganz normaler Pärchenkram?“
Er grinst. „Es klingt aber besser, wenn man von Privilegien spricht.“


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*= die Sache mit der englischen Oberschicht ist zuvor erörtert worden, leider warst du nicht dabei

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Gemeinheitsecken

Lorenz rennt durch den Regen herüber und fährt sich ein paarmal mit der Hand über den Kopf, um die Nässe loszuwerden. „Lass das!“, schimpfe ich, „Ich mag das nicht, wenn du die Haare so unordentlich hast!“
„Wieso regst du dich so auf? So seh ich doch immer aus?“
„Ja, leider! Du bist ein attraktiver Mann und dein zugegeben schöner Bart ist dir das wichtigste, der wird gepflegt mit fast allen Mitteln, die der Markt hergibt. Aber was soll diese Esel-unterm-Bauch-Frisur? Wie sieht denn das aus?“
„Vielleicht warte ich drauf, dass da mal einer für Ordnung sorgt?“, gibt er grinsend zurück.
Wenn das so ist! Ich fasse seinen Kopf, „Halt still“, und kämme mangels Kamm oder Bürste mit den Fingern. Lorenz macht sich los. „Carina, ich hasse es, wenn du mir die Haare so nach hinten machst. Da hab ich ja fast ne Stirn bis zum Hinterkopf!“
„Du übertreibst maßlos.“
„Tu ich nicht. Mit dieser peinlichen Frisur sieht es auch der letzte, dass ich früher oder später ne Glatze kriege.“ Er lässt mich stehen und verschwindet im Haus.
Ich finde den Strubbel im Badezimmer, wo er gerade seine Arbeitskleidung auszieht, um sie in die Waschmaschine zu stopfen. „Vielleicht solltest du doch mal zu dem Frisör gehen, den ich dir vor Monaten empfohlen habe, und ihn fragen, was man in dem Fall tun kann. Frisöre sind Fachleute für diese Stellen auf dem Kopf, die man nicht so gerne sieht.“ Er brummt. „Außerdem kriegst du so bald keine Glatze. Das hier sind zwei hübsche kleine Geheimratsecken.“
„Was hab ich? Gemeinheitsecken?!“
„Geheimratsecken“, betone ich, obwohl ich sicher bin, dass er mich verstanden hat und nur ablenken wollte. „Wenn du dir Mareks Haaransatz anschaust, wirst du, noch nicht so ausgeprägt, dasselbe sehen.“
„Aha.“
„Willst du erst duschen oder erst essen?“
„Nix von beidem. Ich muss noch mal weg“, sagt er, steigt zurück in die staubigen Klamotten und schiebt sich an mir vorbei durch den Türrahmen.
„Wo willst du hin?“, wundere ich mich. Mein Schatz kommt von der Arbeit und will nichts essen?! Muss ich mir Sorgen machen? Er gibt mir einen flüchtigen Kuss und brummt etwas, das wie „zum Frisör“ klingt. Je länger ich aber darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass er was anderes gesagt hat. Warum sollte er nur wegen unseres kleinen Streits um seine Haare zum Frisör gehen? So einsichtig ist er ja sonst auch nicht.

kurioses

mal kurz über die Sprache gestolpert

[…] Eigentlich kann ein Tag nicht besser anfangen. Na ja, er könnte damit anfangen, dass der Schatz nicht schimpfend aus dem Zimmer rennt. Wahrscheinlich war er zu spät auf der Arbeit. Das tut mir leid. Sex am Morgen geht also leider nur noch am Wochenende. Dabei sieht er gerade morgens nach dem Aufwachen so besonders …

… ähm, unwiderstehlich aus? Nee, warte, das ist, wenn sich einer nicht benimmt. Oder … ach nein, das ist unausstehlich!
Verflixte, schöne deutsche Sprache!
Ich umschiffe die Klippe geschickt:

… so besonders knackig aus, an Körper und Geist erfrischt; kein Wunder, dass ich ihm nicht widerstehen konnte!

Es ist tatsächlich so, dass ich nicht immer sofort bei jedem Wort weiß, was es haargenau bedeutet (ich sach nur „scheinbar“ und „anscheinend“), aber wozu gibt es schließlich all die anderen schönen Wörter, wo sich auch immer eins findet, das das gleiche bedeutet?

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Gemüsesaft

„Bist du heute Abend noch für ein Experiment zu haben?“
Er gähnt. „Kommt drauf an, womit sich das Experiment befasst.“
„Guck es dir an.“ Ich gehe voraus in die Küche und stelle meine Trinkgläser und Tassen, gefüllt mit Gemüsesaft, auf die Insel. Skeptisch beäugt er sie. „Das sieht furchtbar grün aus.“
„Und grün steht dir furchtbar gut, mein Schatz. Du hast gesagt, dass du Gemüse nicht magst, weil es so knackt und kracht beim Kauen. Dieses Gemüse hier wird ganz sicher nicht knacken und krachen. Probierst du es?“
„Muss ich das alles austrinken?“
„Nein. Nur an jedem kosten.“ Er nimmt das erste Glas und riecht vorsichtig daran. „Und du weißt, was drin ist und das kommt später ins Essen?“
„Wenn es dir schmeckt.“ Er ist süß, wie er sich so ausführlich nach den Bedingungen erkundigt, misstrauisch, aber trotzdem mutig genug, sich auf mein Experiment einzulassen. „Ich will euch nur mal miteinander bekannt machen.“
„Hallo Gemüse, ich bin der Lorenz“, stellt er sich vor und nippt am dunkelgrünen Saft. „Hm.“ Er nimmt einen etwas größeren Schluck. „Geht so.“
Ich stelle das Glas beiseite, er nimmt das nächste. Mit Riechproben und Schlückchen arbeitet er sich durch die Versuchsreihe. Ich sortiere die Säfte nach „geht so“ und „igitt“, und füge schließlich die Kategorie „lecker“ hinzu. „Da staunst du, was?“, neckt er mich. „Dein Wikinger mag Gemüse!“
„In der Tat, ich staune. Wer hätte das gedacht! Willst du die Namen von deinen neuen Freunden wissen?“ Er nickt. „Spinat, Kohlrabi und Mais. Probier noch das orange.“
„Bestimmt ist es Möhre, oder?“
„Natürlich“, lache ich.
„Lecker.“
„Und das hier.“
„Ha, das kenn ich, das ist Tomate. Allerdings … hm, die schmeckt ja ziemlich langweilig. Ich dachte, die wäre … leckerer.“ Er gibt mir das Glas zurück und ich teste ebenfalls. „Was hast du an dieser aromatischen Biotomate auszusetzen?“
„Aromatisch?! Na ja, vielleicht nehmen die für Tomatensoße ne andere Sorte.“
„Ach das meinst du. Nein, da sind Geschmacksverstärker drin, je billiger die Soße, desto mehr.“
„Aha. Tomatensoße, die gar nicht nach Tomate schmeckt. Verrückt.“ Ich gebe ihm das nächste Glas. „Komische Farbe … aber lecker. Was ist das?“
„Rote und gelbe Paprika. Und hier, nimm das auch noch.“
„Ist das Gemüse? Es riecht ganz … fruchtig.“ Er trinkt den Saft in einem Zug. „Lecker.“
„Das ist rote Bete. Übrigens macht es rosa Pipi, erschrick morgen nicht.“ Er lacht, „wahrscheinlich tanze ich die halbe Nacht durchs Haus, weil ich ne Überdosis Vitamine intus habe. Aber wie lange hast du gebraucht, bis du die Sachen alle flüssig hattest? Oder kann man das kaufen?“
„Es gibt Gemüsesaft zu kaufen, aber der enthält mindestens noch Salz, wenn nicht eine Mischung aus verschiedenen Gemüsesorten. Ich wollte nur den Eigengeschmack haben, also habe ich sie durch meine Saftpresse gejagt.“
„Und was hast du mit den trockenen Resten gemacht?“
„Die meisten hatte ich heute in meinem Mittagessen. Wenn du Gemüse lieber trinkst als isst, mache ich dir in Zukunft Smoothies.“
„Aber das ist doch wahnsinnig viel Arbeit?“
„Überhaupt nicht. Bei Smoothies bleibt ja nicht mal ein trockener Rest übrig.“
„Dann mach mir in Zukunft bitte Smoothies.“
„Sehr gerne.“ Mein Wikinger will tatsächlich Gemüse verzehren! Wie schön!
„Was meinst du – machen Vitamine gute Laune? Vorhin auf dem Sofa wollte ich gar nichts mehr nach dem Scheißtag. Vielleicht sollte ich die grünen Vitamine morgens trinken.“
Er ist zum Küssen. „Wenn du möchtest, mache ich dir zu jeder Tages- und Nachtzeit Gemüsedrinks, so viele du willst.“
„Heute brauche ich keine mehr. Komm, wir gehen schlafen.“

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Rotstiftmilieu

„Hier, du musst das noch unterschreiben“, sagt sie und hält mir ein Formular hin. Ich nehme einen herumliegenden Kugelschreiber und setze meinen Friedrich-Wilhelm darunter. „Und untersteh dich, den Stift mitgehen zu lassen!“, warnt sie.
„Seh ich aus, als hätte ich es nötig, deine Stifte zu klauen?“
„In diesem Büro weiß man nie. Es hat ein schwarzes Loch, in dem regelmäßig meine Stifte verschwinden, und die roten besonders schnell.“
„Arbeitest du im Rotstiftmilieu?“, kalauere ich.
Sie winkt ab. „Ich brauche sie für die Buchungen, und ich schreibe in rot, damit man die Nummern sofort auf dem Kontoauszug findet. Deswegen ist es doppelt lästig, dass sie ständig verschwinden.“
„Zeig mal einen.“
„Einen Kontoauszug? Das geht dich nichts an.“
„Blödsinn. Einen Stift.“
Sie zieht ihre Schreibtischschublade auf und nimmt einen heraus. Ich mache einen langen Arm und schon ist er weg. „He!“, protestiert sie.
Grinsend hebe ich die Schultern. „Schwarzes Loch. Kann man physikalisch erklären.“
Sie kommt um ihren Tisch herum und will ihn einfangen. Mit der einen Hand halte ich den Stift hoch, mit der anderen Nadine auf Abstand. „Ich trete dich!“, droht sie mir an.
Darüber lache ich. „Schwarze Löcher verfügen üblicherweise über eine enorme Sogwirkung. Das heißt, dass sich der Gegenstand nicht mal in der direkten Umgebung des Lochs befinden muss. Je kleiner und leichter er ist, desto schneller wird er geschluckt.“
„Sehr witzig! Das will ich nicht wissen, ich will meinen Stift zurück haben!“
„Solltest du aber. Naturgesetze sind in allen Bereichen des Lebens einsetzbar, wenn man sie anzuwenden weiß. Wie oft geht unser werter Chef am Tag hier vorbei und hat was zu notieren?“
„Er ist nicht mein Chef, sondern mit meiner Chefin liiert!“
„Haarspalterei! Ich sehe das Loch mindestens jeden Donnerstag. Und es wird von Woche zu Woche größer.“
„Soso“, stellt Georg fest. Er lehnt in seiner Bürotür, ich weiß nicht, wie lange schon.
Nadine lässt von mir ab und schiebt sich an ihm vorbei in das Zimmer. Kurz darauf kommt sie mit einer Hand voller Stifte zurück, nimmt mir meinen weg und verstaut sie alle in ihrer Schublade. „Und jetzt mal wieder an die Arbeit, verstanden? Wir sind ein Elektroinstallationsbetrieb und kein Debattierklub.“
„Sie hören sich an wie der Mann, mit dem Ihre Chefin liiert ist“, schmunzelt Georg.

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Kimberley

„Übrigens gibt es Neuigkeiten vom kleinen Unfall“, beendet er meine Gedanken. „Es wird ein Mädchen, zum Glück! Jungs machen doch nur Ärger und Lärm und Dreck.“
„Schorsch hat recht. Du bist echt ein Mädchen-Typ. Mit Zöpfchen und Schleifchen und dem ganzen rosa Glitzerkram.“
„Der ist nur neidisch, weil er keine hat“, lacht er. „Aber damit fangen die Schwierigkeiten für mich erst an. Es ist nämlich mein Job, dem Töchterlein einen Namen auszusuchen. Der muss e und a haben, er muss spanisch-kompatibel sein und zum Nachnamen passen, und außerdem muss Olivia ihn gleich beim ersten Hören toll finden. Die Messlatte liegt hoch, sag ich dir.“
„Was meinst du mit spanisch-kompatibel?“
„Sera ist die türkische Form von Sarah und die Kurzform von spanisch Serafina. Leyla gibt es mit unterschiedlicher Schreibweise in beiden Sprachen. Wenn das so einfach wäre mit den Namen, wäre es keine Aufgabe, die einen Vater die Nächte kostet.“
„Und ich hatte mir schon ausgemalt, du würdest das nächste Mädchen Kimberley nennen.“
Er starrt mich an. „Warum sollte ich eins meiner schönen Kinder mit so einem scheußlichen Namen strafen? Kimberley! Kimberley Yildirim, das ist kein Name, sondern ein Zungenbrecher!“
„Na eben. Du füllst ihre Verehrer mit diesem süßen spanischen Wein ab und nur wer ihren Namen dreimal schnell aussprechen kann, darf um ihre Hand anhalten.“
„Du hast echt einen an der Waffel.“

(Deswegen verstehen wir uns so gut.)

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Möhrenflugzeug

Carina und Marek bereiten schon das Abendessen vor, als ich zurück komme. Sie steht am Herd und er sitzt neben ihr auf einem Hocker und hat lauter Gemüseschnitze vor sich auf dem Brett.
„Hi Papa, guck mal, was ich gebaut hab!“ Er zeigt mir ein orangefarbenes Flugzeug. Erst als ich es näher betrachte, sehe ich, dass es aus Möhre ist.
„Cool. Wie hast du die Flügel festgemacht?“
„Die hab ich so ganz dünn geschnitzt und dann mit dem Messer da einen Ritz rein und die Flügel da durch gesteckt“, erklärt er. „Das nehm ich morgen mit in den Kindergarten.“
„Aber die Möhre wird ja schrumpelig, wenn die trocknet, dann sieht es nicht mehr gut aus“, wirft Carina ein. „Iss es lieber auf.“ Ich setze mich neben ihn. „Genau, und dann fliegt es die ganze Nacht in deinem Bauch rum.“
„Papa, das geht doch gar nicht!“ Prüfend guckt er mich an, ob ich wohl einen Witz gemacht habe. „Da ist doch gar kein Motor drin!“
„Wie, da ist kein Motor drin? Ist es ein Segelflugzeug?“
„Neiiiin“, lacht er und klopft mir an die Stirn, „es ist ein Möhrenflugzeug!“
„Ein Möhrenflugzeug. Soso. Weißt du, was ich mit einem Möhrenflugzeug machen würde?“
Er nickt erwartungsfroh, „Zeig mal, Papa.“
Ich nehme es aus seiner Hand und beiße ein Stück vom Flügel ab. Meinem Sohn fallen fast die Augen aus dem Kopf. „Papa! Du machst mein Flugzeug kaputt!“
„Na sicher“, tue ich, als sei es das normalste der Welt, „dafür ist es gemacht, oder?“ Ich beiße noch mal ab.
„Du machst mein Flugzeug kaputt!“, schreit er erneut und schlägt nach mir.
„Ach komm, Marek, es ist Möhre und Möhre ist zum Essen.“
Er heult, „Aber du magst überhaupt kein Gemüse und wieso isst du jetzt mein Möhrenflugzeug auf?“ Er springt vom Hocker und boxt mich. Ich versuche ihn zu beruhigen. „Marek, krieg dich bitte wieder ein, ja?“ Ich wollte nicht, dass er gleich so außer sich gerät.
Carina hält meinen Kopf fest und sagt mir ins Ohr: „Kauen. Und runterschlucken. Sonst verpetze ich dich.“
„Fall du mir auch noch in den Rücken. Guck, Marek, ich bau dir ein neues Flugzeug, reg dich ab.“ Ich hebe ihn neben mir auf den Hocker, nehme eine lange gerade Möhre für die Tragfläche und schnitze und ritze, wie er es mir eben erklärt hat. Zwischendurch trockne ich sein Gesicht ab, „War doch nur ein Spaß. Sei nicht mehr böse, ja?“ Er nickt.
Auf einmal fragt er: „Was hast du da für einen Knubbel?“ und tippt auf meine Wange.
„Das ist die Möhre, die der Papa noch aufessen will“, macht Carina ihre Drohung wahr. „Möhren kann man nämlich nicht lutschen.“
Ich haue ihr auf den Hintern und sie kontert: „Gewalt ist keine Lösung, mein Schatz.“
Ich muss hier mal dringend von mir ablenken, so geht das nicht weiter. „Am Samstag besuchen wir übrigens den Lennart.“
„Cool“, freut Marek sich. Das Flugzeug ist fertig. „Gut so?“, hole ich mir das Okay des Ingenieurs. Er lächelt wieder. In einem unbeobachteten Moment entsorge ich die Möhrenstücke. So einen blöden Spaß lasse ich mir bestimmt nicht noch mal einfallen.