Behandle sie weiter wie eine Pflanze

Ich beschäftige mich ja schon eine Weile mit Pflanzen und eine Sache kann ich zusammenfassend über alle sagen: sie blühen um Samen zu machen und sich auszubreiten. Nicht zufällig lautet das „Fachwort“ dieses Prinzips Fortpflanzung.
Durch Züchtungen, Mutationen und klimatische Bedingungen (und in manchen Fällen auch das Unvermögen des Blumenfreunds) kommt es hier und da zu infertilen Blüten oder solchen, die vor der Samenreife herunterfallen, aber der eigentliche Zweck einer Blüte ist der Same.
Nur deswegen schneidet man Rosen nach der Blüte zurück und knipst die welken Blüten aus Margeritenbüschen: damit sie, ihrer Samen beraubt, noch einmal blühen. Bei anderen Pflanzen wie zB Hortensien geht das nicht, da ihre Blüteninduktion länger dauert (= der Sommer ist um, bevor die nächste Knospe fertig ist).

Die Rosen im Garten kriegen ja sowieso jeden Tag Licht, der Regen fällt auf sie oder der Gartenfreund besucht sie mit der Gießkanne (wenn sie vertrocknen, können sie ja nicht noch einmal blühen), und haben sie Glück, bekommen sie auch etwas Dünger. Bei Zimmerpflanzen wie Amaryllis oder Phalaenopsis ist das anders, die stellt man beiseite, denn sie brauchen eine Ruhephase. Und irgendwann kommt man wieder dort entlang und wundert sich: die dumme Pflanze ist eingegangen!

Äh, wieso dumme Pflanze?! Die vermeintliche Ruhephase ging unbemerkt ins langsame Verdursten über, und wenn es dabei dunkel war und zu lange dauerte, war es ein grausiger Tod in Vergessenheit. Wer stellt denn eine Pflanze so weit weg von Licht- und Wasserquelle? Ruhephase hin oder her, eine Pflanze bleibt doch eine Pflanze! Oder stellst du deinen Hamster, wenn er mal Ruhe braucht, auch für vier Wochen in den Keller?
Na klar, Hamstis Ruhephase geschieht im Schlaf und davon braucht er täglich, aber er macht keinen Winterschlaf. Aber hat sich mal wer gefragt, warum meine Amaryllissen jedes Jahr zuverlässig blühen, meist so im Januar bis März? Und warum ich, unregelmäßig aber häufig, mit Orchideenblüten in den Statusanzeigen diverser Messenger herumprahle? Liegt es an meinen grünen Daumen oder beschwöre ich das Grünvolk nur wirkungsvoller als andere?

Meine Daumen sind zumindest außen hautfarbig und das Beschwören liegt mir nicht, ich bin zu schnell abgelenkt. „Mein Geheimnis“ ist, dass ich die Amaryllisknollen (es sind keine Zwiebeln) nach der Blüte trotzdem weiter wie Pflanzen behandle: sie stehen hell, bekommen Wasser, Dünger und Aufmerksamkeit. Die früher fünf, jetzt ungefähr acht bis elf Amaryllissen in einem alten Fensterkasten ohne Wasserreservoir stehen von Oktober bis Mai im hellen Treppenhaus, die andere Jahreshälfte verbringen sie auf der Außenfensterbank Richtung Nordwest, wo sie sich bei viel Tageslicht vollstopfen können mit Chlorophyll, was eine Pflanze stark macht. Stark müssen sie sein: die großen Blüten kosten viel Kraft.
Ab Mitte September höre ich auf zu gießen; es beginnt die Ruhephase! Vor der ersten kalten Nacht im Oktober hole ich die Bande rein. Mitte November sind die meisten Blätter welk und ich schneide sie ab. Damit endet die Ruhephase!
Als nächstes leere ich die 5l-Gießkanne komplett in ihren Kasten, und wenn es sein muss, ein Weilchen später noch ein zweites Mal. Danach wachsen Knospen und Stängel und Blätter und das Amaryllisfest im Treppenhaus geht seinen vielblütigen Gang. Ja, liebe Nachbarn, Treppenhaus- und Vorgartenblogbesucher, seit ich hier wohne, sind es immer dieselben Knollen, ich werfe keine weg und kaufe keine hinzu. Es werden mehr, weil sie sich teilen.

Ich kenne Menschen, bei denen die Amaryllissen überhaupt keine Ruhephase bekommen, die blühen dann, wenn es ihnen gerade passt. Geht also auch.

Die Ruhephase der Phalaenopsis sieht so aus, dass sie nach der Blüte einfach machen können, was sie wollen (so wie das restliche Jahr auch). Das Orchideenfenster geht ebenfalls nach Nordwest raus, da brüllt die Sonne nicht mehr rein und außer im Sommer sowieso nicht. Ich frage gelegentlich, wer Dünger möchte (doch, echt: ich rede mit ihnen) und stecke die Stäbchen* nach Bedarf, sprühe regelmäßig und reichlich, während der Heizungszeit verdunstet Wasser in Schalen auf den Heizkörpern, hin und wieder kommt die ganze Horde in die Dusche und kriegt Regen. Wenn es nötig ist, auch einen kräftigen Sprühnebel von „careo celaflor Rosenspray gegen beißende und saugende Schädlinge“, denn meine Freude an der tierischen Artenvielfalt ist in Innenräumen äußerst klein. Wenn eine Orchidee neu dazu kommt, kriegt sie die Behandlung prophylaktisch ab.

Ich kenne Leute, die anders mit ihren Orchis umgehen und da blühen sie auch regelmäßig.

Hör also jetzt auf, deine Pflanzen wie Stofftiere zu behandeln oder sie an mich abzuschieben „bei dir gelingt das ja immer“, sondern geh mit ihnen um, wie es ein Lebewesen verdient hat. Ich habe keinen Platz für deine verblühten grünen Freunde und außerdem weißt du ja jetzt, wie es geht.
… Wahrscheinlich.
☝🏽 Ich übernehme keine Gewähr!
Gründe, warum es trotzdem nicht klappt, gibt es viele – zu viele, um sie hier aufzuzählen. Einer ist, dass du eine bereits gesundheitlich angegriffene Pflanze erworben oder geschenkt bekommen hast, das sieht man ihr nicht unbedingt an.

*= Ich habe es mal mit rosa Stäbchen aus dem Supermarkt versucht, aber die schmecken ihnen nicht. Die übelriechenden, bröseligen „Azet DüngeSticks für Orchideen“ von Neudorff, die sind das Mittel der Wahl!

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muss ich erwähnen, dass die Werbung für die absichtlich ausführlich genannten Produkte nicht bezahlt wird?
ach, ich glaub, du weißt inzwischen, wie ich das sehe mit Werbung und so. Ich habe sie absichtlich ausführlich genannt, damit du sie wiederfindest im sehr großen Angebot.

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