Lesestoff

Die geprüfte Sünderin

Heute ist mir was passiert, das werd ich mein ganzes Leben nicht vergessen.

BWL war dran und wahrscheinlich weiß fast jeder auf der Berufschule, dass das mit meiner Prüfung vor einem halben Jahr bloß wegen BWL nix geworden ist.
Wir gehen alle in den Prüfungssaal, die Aufgaben werden ausgeteilt und ich hab null Schnall. Black-out. Ich kann mich nicht mal dran erinnern, so was überhaupt mal gehört zu haben. Ich seh mich schon in die IHK-Geschichte eingehen als einzige Person, die zweimal wegen dem selben Fach durch die Abschlussprüfung gerasselt ist.
Aber weil sie uns das endlos in der Vorbereitung eingebläut haben, dass wir die Aufgaben wenigstens anfangen sollen und dass Folgefehler nicht bewertet werden, wenn man danach richtig weiterrechnet, mach ich mich also an die Arbeit.

Natürlich komm ich nicht weit.

Irgendwann fällt mein Stift runter, ich muss ihn aufheben und dafür um meinen Platz rumgehen … ich schiel nach links … was hat die da geschrieben? … ach du Scheiße!
Als ich dann auf Klo muss, treff ich die Susanne. Wie die meisten aus meiner Berufsschulklasse kann sie mich nicht besonders gut ab. Trotzdem frag ich sie nach ihren Ergebnissen.
„Ich sag dir kein Wort“, zickt sie rum, „Und wenn ich dir was sagen würde, würde das doch rauskommen, dass du das nicht kannst, weil du ja nie übst und immer mogelst.“
Na vielen Dank! Ist das etwa diese vielbeschworene Kameradschaft, von der alle noch beim zehnten Klassentreffen schwärmen? Bis ich mein Kippchen zu Ende geraucht hab, heb ich aus alter Gewohnheit die Deckel der Wasserkästen hoch, vielleicht hat sich ja einer ‘nen Spickzettel hingeklebt. Leider Fehlanzeige. Bloß die olle Feldmann geistert auf einmal durch die Toilettenräume und erwischt mich, aber zum Glück ist nur Wasser im Wasserkasten. Schwein gehabt. Hoffentlich hat sie nicht gehört, dass ich mit Susanne geredet habe. Allerdings redet sie mit dem Meier, als wir wieder im Prüfungsraum sind. Der nickt, flüstert zurück und guckt zu mir, aber ich tu, als hätte ich nix bemerkt.
Nach einer Weile fällt echt unbeabsichtigt mein Radiergummi vom Tisch, und als ich das Teil gerade aufgehoben hab, steht der Meier vor meinem Platz und sagt: „Sie können jetzt gehen, Frau Pelagina. Sie haben genug gepfuscht und die Konzentration Ihrer Mitschüler gestört. Die Prüfung ist für Sie gelaufen.“ Was?!, denk ich und kann mich vor Schreck nicht mal wieder auf meinen Stuhl setzen, das ist doch nicht sein Ernst! Nebenan wird getuschelt, einmal hör ich ziemlich laut: „Typisch Jorike, Lernen ist ja nicht so ihr Fall.“
Jetzt sagt der Meier: „Ich meinte das wirklich so. Packen Sie Ihre Sachen.“
Wie durch Watte hör ich ihn reden. Wenn du so dastehst und weißt, jetzt biste am Arsch – das kann sich ganz schön hinziehen. Fast fühlt es sich an, als ob die Zeit stehen bleiben würde. Man sieht alles besonders deutlich und eigentlich will man erstens gar nichts mitbekommen und zweitens, dass es schon vorbei wäre.

Vermutlich dauert das Ganze aber nicht sehr lang, denn auf einmal steht der Cem auf. Das ist der krasseste und coolste Türke der ganzen Stadt. Der hat vor drei Jahren sein eigenes HipHop-Label gegründet, er designt Klamotten und verdient damit nen Haufen Kohle, und wahrscheinlich ist er auch hyperintelligent. Jeder hier fragt sich, warum er so eine stinknormale Ausbildung macht. Mich hat er noch nie angeguckt. Keine Ahnung, was der will.
Der Meier dreht sich halb zu ihm um und man sieht, dass er es lieber hätte, wenn einfach alle ihre Klausur schreiben würden. „Was gibt’s jetzt, Herr Günaydinlar?“, fragt er genervt. Die Feldmann kommt jetzt auch an meinen Tisch und guckt giftig und der Smirek, der die dritte Aufsicht macht, achtet schon lange nicht mehr drauf, ob einer mogelt oder nicht, sondern ist auch zu uns gekommen.
„Ey, Herr Meier“, fängt Cem an und macht in Meiers Richtung solche Handbewegungen, wie die HipHopper immer machen, „Das ist nicht fair, Alter.“
„Fair? Frau Pelagina stört und schreibt ab, und dass man sie von der Prüfung ausschließen will, nennen Sie nicht fair? Was ist denn Chancengleichheit?“, mischt sich der Smirek ein.
„Herr Meier, ey, und Herr Smirek auch“, fängt er noch mal an, „Wenn Sie noch nie gepfuscht haben, dann können Sie die Jorike rausschmeißen, ey. Sonst ist das echt nicht fair.“

Erst glaub ich, ich bin jetzt echt durchgedreht und hab mir das nur eingebildet. Aber dann hör ich, wie der Smirek murmelt: „Na ja, stimmt schon…“ und die Feldmann ganz rot vor Verlegenheit wird. Das ist unglaublich! Sogar der Meier dreht sich um und geht wieder nach vorne an seinen Wachtposten! Damit hat keiner gerechnet, ich auch nicht.
Zum Schluss stehen nur noch Cem und ich da.
„Und, was machst du jetzt?“, fragt er und zieht eine Augenbraue hoch, dass man echt nicht weiß, was als nächstes kommt.
Ich wackel mit den Schultern. „Weiterschreiben?“, biete ich unsicher an und bin voll am zittern. Oder will er lieber, dass ich ihm die Füße küsse?
„Okay, Schnitte, dann schmeiß ich dich auch nicht aus der Prüfung raus“, sagt er gönnerhaft, als wäre er der IHK-Präsident. „Aber pass auf, dass das nicht noch mal passiert, klar?“

Das wird ganz bestimmt nicht wieder vorkommen, darauf kannste wetten.

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